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Vor dem Vergessen bewahrt
Donnerstag, 11. Februar 2016 um 14:51 Uhr

Sie   hießen   Himmelstern, Ahron, Ransenberg. Bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung lebten sie als geachtete   Mitbürger   mosaischen  Bekenntnisses  in  Höxter  und  Umgebung.  Dass  sie nicht  in  Vergessenheit  geraten, ist das Verdienst Fritz Ostkämpers,   der   in   akribischer Spurensuche Namen und Fakten  sammelte  und  Familienschicksale aufzeichnete.

Wenn Schüler   des   König-Wilhelm-Gymnasiums  in  der  Gedenkfeier am heutigen Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz an die ermordeten Mitglieder der Familie   Dillenberg   erinnern, greifen sie auf das Material zurück, das der Vorsitzende der Jacob-Pins-Gesellschaft im Laufe von fast drei Jahrzehnten zusammentrug. Am  Beginn  stand  das  Vorhaben   der   Höxteraner   Friedensinitiative,   die   Friedenswoche 1988 unter das Thema „Juden  in  Höxter“  zu  stellen. Ostkämper, bis zur Pensionierung   Deutsch-   und   Französischlehrer am KWG, hatte zunächst  nur  daran  gedacht,  einige im Archiv der Schule leicht zugängliche   Daten   und   Dokumente  zur  Abrundung  der geplanten  Ausstellung  beizutragen. Dabei stieß er auf den Namen  Richard  Frankenberg, der  sein  besonderes  Interesse weckte.  Nach  und  nach  entstand  die  Biografie  eines  jüdischen  Arztes,  der  in  hohem Ansehen  in  seiner  Stadt  lebte und viel Gutes tat, was ihn nicht davor bewahrte, nach 1933 von seinen Mitbürgern gedemütigt,  deportiert  und  ermordet zu werden. Zahllose  Stunden  hat  Ostkämper inzwischen aufgewendet, um Akten zu wälzen,
in  Archiven zu  recherchieren, Städte und Organisationen anzuschreiben, Nachfahren jüdischer Familien aufzuspüren. Das 125-jährige Jubiläum des  KWG  im  Jahr  1992  war Anlass   für   weitere   Nachforschungen im Schularchiv. Dabei stellte sich heraus, dass der Anteil jüdischer Schüler am Höxteraner Gymnasium vor 1900 doppelt so hoch war, wie es dem Bevölkerungsanteil entsprochen hätte.

Am 1. November 1934 verließ mit dem damals 14-jährigen Tierarztsohn Rudolf Pins der letzte jüdische Schüler das KWG. Ebenso wie sein Bruder Jacob, der bereits 1933 als Obersekundaner abgegangen war und in das damalige Palästina floh, entkam er der    Verfolgung durch das nationalsozialistische Verbrecherregime. Die in Höxter geleistete Forschungsarbeit  findet  weithin  Aufmerksamkeit.  Für  ein Interview,  das  der  in  Hawaii lebende Rudi Pins kürzlich einem amerikanischen Sender gab, stellte  Ostkämper  Fotos aus der Kindheit in Höxter zur Verfügung.  Mit  einer  Mitarbeiterin  des Deutschlandfunks unternahm  Ostkämper  einen Rundgang durch Höxter „Auf den Spuren von Jacob Pins“.

Die Erinnerung an mehr als 20 ehemalige Absolventen des KWG, die Rassenwahn und Vernichtungspolitik  zum  Opfer  fielen,  hält  eine  Gedenktafel im Foyer der Schule wach. Darauf  stehen  auch  die  Namen  Dillenberg  und  Löwenstein. Julius Dillenberg floh 1937 nach Amsterdam, wurde von dort nach dem Einmarsch  der  deutschen  Truppen 1943 nach Theresienstadt deportiert und 1944 in Auschwitz  ermordet.  Ernst  Löwenstein stammte aus einer Kaufmannsfamilie, die in der Westerbachstraße  ein  für  damalige  Verhältnisse  großes  Kaufhaus betrieb. Bekannt war seine  soziale  Einstellung.  Er  unterstützte ärmere Familien durch die   Einkleidung ihrer Kommunionkinder, verköstigte Wöchnerinnen und hatte einen kostenlosen Mittagstisch  für  Kinder.  1942  wurde Ernst  Löwenstein  mit  seiner Frau Gertrud, seinem vierjährigen   Sohn   Berl-Eli,   seinem Bruder Heinrich und weiteren Angehörigen in den Osten deportiert  und  mit  seiner  ganzen Familie im KZ ermordet.
Durch    die    Forschungsarbeit,  deren  Ergebnisse  dokumentiert sind auf der Website der Jacob-Pins-Gesellschaft, ergaben   sich   für   Ostkämper Kontakte  in  alle  Welt.  Zum Beispiel   zu   Harry   Frankenberg, der als Neunjähriger mit seiner Familie aus Vörden nach Amerika floh und heute in New Jersey lebt. Auf der Suche nach seinen  ostwestfälischen  Wurzeln  kam  Harry  Frankenberg mit   seiner  Frau  Daisy,  zwei Töchtern   und   einem   Enkel nach Höxter. Fritz Ostkämper habe  die  Tür  geöffnet,  sagte Daisy  Frankenberg,  „wir  gingen   hindurch“.   „Als ob ich mein Familiengedächtnis wiederbekomme, so kommt es mir vor“,    bedankte    sich    Louis Frankenberg  aus  Alkmaar  in Holland,   Großneffe   von   Richard  Frankenberg,  bei  Ostkämper  für  Fotos  und  Infor-
mationen.   Er   habe   geweint. „Ein Mann von 64 Jahren sollte  nicht  weinen,  aber  die  Gefühle waren zu tief, als ich auf Ihrem Stammbaum all die ermordeten  und  verschwundenen Frankenbergs sah.“
Mehrfach   besuchte   Louis Frankenberg  mit  seiner  Frau Helena Höxter. Im KWG stand er vor der Gedenktafel für die ermordeten  ehemaligen  jüdischen  Schüler.  Mit  Schülern einer zehnten Klasse sprach er über sein Leben und seine Erinnerungen.    Hass    auf    die Deutschen empfinde er nicht. „Man  muss  immer den  Menschen  sehen.  Gute  und  böse Menschen  gibt  es  immer  und überall.“  Und  er  fügte  hinzu: „Die  heutigen  jungen  Deutschen können nichts dafür".

 

Neue-Westfälische vom 27.02.16