Start Aktuell Nachrichten »Seid Botschafter des Friedens«
»Seid Botschafter des Friedens«
Dienstag, 22. November 2016 um 19:43 Uhr

Ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter spricht mit KWG-Schülern

Wenn Czeslaw Parchatko (88), ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter, seine Erinnerungen aus der Zeit zwischen 1942 bis 1945 schildert, dann treibt ihn der Wunsch nach Frieden um: »Nie wieder Krieg!«, legte er Oberstufenschülern des König-Wilhelm-Gymnasiums (KWG) gestern seine Vision ans Herz.

Die Region Höxter kennt der für seine 88 Lebensjahre erstaunlich vitale Senior aus eigenem Erleben. Er musste von 1942 an in Fürstenau auf einem Bauernhof arbeiten (Bericht vom 12. November). Mit gerade einmal 14 Jahren war er damals fast noch ein Kind. Warum er jetzt – im hohen Alter – besonders gern vor jungen Leuten spricht, begründete der ehemalige Zwangsarbeiter vor den Schülern des Geschichts-Leistungskurses und -Grundkurses der Jahrgangsstufe 12 des KWG mit bewegenden Worten: »Ihr gehört zu der Generation, die die Geschicke dieses Landes bestimmen wird. Seid Botschafter des Friedens und tragt zu einem guten Zusammenleben zwischen Deutschen und Polen bei.« Dieser staatstragende Appell ging unter die Haut. Denn er klang nicht wie einer Politikerrede entnommen. Czeslaw Parchatko hat erlebt, wie viel Leid ein Krieg über die Menschen bringt. Daher möchte er aus tiefstem Herzen Versöhnung stiften und für Frieden werben.

Diese Authentizität vermochte er den Schülern zu vermitteln. Sie hörten dem Zeitzeugen gebannt zu. Czeslaw Parchatko begann seine Erzählungen zunächst auf Deutsch, später übersetzte sein Freund Siegfried Karpinski (81) aus dem Polnischen. Beide gingen herzlich – in nahezu großväterlicher Nahbarkeit – auf die jungen Menschen zu. Immer wieder standen sie vom Tisch auf, wenn Schüler Fragen stellten, und wandten sich ihnen direkt zu. Das aufrichtige Interesse der angehenden Abiturienten rührte die beiden Besucher. Und auch die Schülerinnen und Schüler zeigten sich nach der vom WESTFALEN-BLATT mitorganisierten Gesprächsrunde beeindruckt von der Begegnung mit dem Zeitzeugen. »Wir kennen die Thematik aus dem Unterricht. Persönliche Schilderungen sind aber etwas Anderes«, resümierte Ricarda Kiene (17). »Es ist viel berührender, wenn jemand vorne steht, der es selbst erlebt hat«, ergänzte Benita Saum (18). Marius Struck (18) hat den Zeitzeugenbericht ebenfalls als bewegend empfunden. Amei Pechbrenner verwies schließlich darauf, dass die Generation langsam ausstirbt. Czeslaw Parchatko sei einer der letzten Zeitzeugen. »Irgendwann sind nur noch wir da«, sinnierte die 17-Jährige.

Zum Abschluss ließ der Gast für die Schülerinnen und Schüler Süßigkeiten herumgehen. Und die Gymnasiasten überreichten ihm zusammen mit Geschichtslehrer Christoph Heger den KWG-Kalender für 2017, der anlässlich des 150-jährigen Bestehens der Schule erschienen ist.

Ohne auszuruhen begab sich der Gast nach dem Geschichtsunterricht auf Spurensuche in Fürstenau. Gerade im Dorf angekommen, erkannte ihn der 86-jährige Johann Neumann auf der Straße. Die beiden Männer kamen sofort ins Gespräch.

 

Kommentar: Menschliches Leid zu ermessen, dazu sind Daten und Fakten nur bedingt in der Lage. Zeitzeugenberichte lassen geschehenes Unrecht gegenwärtig erscheinen. Diese vom Zuhörer empfundene Unmittelbarkeit weckt Mitgefühl. Sie spricht Herz und Verstand gleichermaßen an und beflügelt umso mehr den Einsatz der Menschen für Freiheit und Frieden. Zeitzeuge Czeslaw Parchatko leistet der Gesellschaft einen unschätzbaren Dienst. Sabine Robrecht

 

 

 

 

Text und Fotos: Sabine Robrecht - Westfalen-Blatt vom 18.11.2016