Härtefallkommission: Schüler und seine Mutter bekommen Aufenthaltserlaubnis
Jetzt ist es amtlich: Karen Sedrakyan und seine Mutter dürfen in Deutschland bleiben. Der Kreis Höxter hat gestern Morgen die Aufenthaltserlaubnis ausgesprochen.
Es war ein denkwürdiger Moment: Vize-Schulleiter Hans Nicolas beugt sich über die Sprechanlage und drückt die Taste. „Wir sind stolz und glücklich“, hallt es durch die Schule, „euch mitteilen zu können, dass euer Mitschüler Karen in Höxter bleiben darf und hier weiter zur Schule geht.“ Nicolas' Durchsage ist noch nicht beendet, da bricht in vielen Klassen der Jubel los. Erleichtert beklatschen die Schüler Karens Sieg. Ein Sieg, an dem sie großen Anteil haben.
Denn über Monate haben sie sich für Karens Bleiberecht eingesetzt. Sie sammelten hunderte Unterschriften, organisierten Spenden, begleiteten den jetzt 19-Jährigen zum Verwaltungsgericht und stärkten ihm den Rücken. Sie traten mit ihrem Engagement weit über Höxter hinaus eine Welle der Solidarität los, an der sich die Schulleitung, viele Vereine, christliche Gemeinden und zahlreiche Höxteraner beteiligten.
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In diesem Französisch-Kurs hat vor etwa einem Jahr alles angefangen: Die Mitschüler von Karen Sedrakyan (vorne) haben sich gegenüber den Behörden für Karens Bleiberecht stark gemacht. Mit ihrem Engagement haben sie eine Welle der Solidarität in Bewegung gesetzt. |
„Ich bin überglücklich, mir fehlen die Worte“, sagte Karen gegenüber dem WESTFALEN-BLATT. Seine Mutter, Eleonora Larusch, sagte: „Das ist das größte Weihnachtsgeschenk.“ Für beide bedeutet die Entscheidung der Ausländerbehörde des Kreises Höxter (siehe unten), zum ersten Mal seit langem durchatmen zu können.
Bis vor wenigen Tagen mussten sie sich jeden Monat bei der Ausländerbehörde vorstellen, um weitere 30 Tage Duldung zu beantragen. Jetzt wurde ihnen die befristete Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr zugesprochen.
Vor allem am vergangenen Wochenende war die Spannung unerträglich, wie Eleonora Larusch sagte. Die Entscheidung am Montagmorgen stand kurz bevor. Das Schicksal der 51-Jährigen und ihres Sohnes sollte sich entscheiden. „Ich habe nicht mehr schlafen können.“ Die Angst, das Land verlassen zu müssen, sei zu groß gewesen. „Eine Trennung von meinem einzigen Sohn hätte ich mir nicht vorstellen können“, sagte sie. Rechtsbeistand Bettina Iding fügte an, dass aus diesem Grund für beide Betroffene ein Aufenthaltsantrag gestellt worden war. „Eine Trennung wäre menschlich nicht tragbar gewesen.“
Karen war mit seiner Mutter im Juli 2008 nach Höxter gekommen, die Mutter hatte zuvor einen Höxteraner geheiratet. Das Bleiberecht für den Schüler und die studierte Philologin verfiel jedoch, als sich das Ehepaar im Januar 2010 trennte. Seitdem waren beide in Deutschland lediglich geduldet. Die 51-Jährige durfte keinen Arbeitsvertrag abschließen. Karen absolvierte in dieser Zeit eine vorbildliche Integrationskarriere: Er lernte in kürzester Zeit Deutsch, schloss die Hauptschule mit Gymnasialempfehlung ab und strebt nach seinem Abitur im Sommer 2013 ein Studium an.
Vorher müssen er und seine Mutter aber wieder bei der Ausländerbehörde vorsprechen. Bettina Iding erklärt: „Karen muss sich weiter gut in der Schule einbringen, und seine Mutter muss sich aktiv um ihre wirtschaftliche Selbstständigkeit kümmern.“ Sonst werde die Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert. Dieser Anforderung sehen die beiden aber zuversichtlich entgegen. Die 51-Jährige darf jetzt einen Arbeitsvertrag abschließen, und Karen hat nach seinem Abitur das Studium schon fest im Blick.
Das sagt der Kreis Höxter
Der Kreis Höxter erteilt Karen Sedrakyan und seiner Mutter, Eleonore Larusch, eine befristete Aufenthaltserlaubnis für zwölf Monate. Grundlage der Entscheidung ist ein positives Votum einer Härtefallkommission des NRW-Innenministeriums.
Die Kommission beruft sich nach Angaben des Kreises auf die außerordentliche Integrationsleistung des Gymnasiasten. „In kürzester Zeit sei es ihm gelungen, von der Hauptschule in das König-Wilhelm-Gymnasium zu wechseln mit dem Ziel, in Deutschland zu studieren“, wird die Kommission zitiert. Weiterhin habe die breite Unterstützung der Bevölkerung, auch zur Sicherung des Lebensunterhaltes, den Ausschlag gegeben. Der in Armenien geborene und aufgewachsene Karen und die von dort stammende Mutter leben seit Juli 2008 in Höxter. Im Januar dieses Jahres hätten sie ausreisen müssen. Die Anrufung der Härtefallkommission, das vorübergehende Aussetzen der rechtlichen Schritte durch den Kreis und die positive Entscheidung der Kommission haben das befristete Aufenthaltsrecht möglich gemacht.
Kommentar
Karen und seine Mutter haben es geschafft. Seit Monaten kämpften sie dafür, sich hier ein neues Leben aufbauen zu können. Ständig lebten sie mit dem Gefühl, ihre neue Heimat bald verlassen zu müssen. Dass sie trotzdem nicht den Mut verloren und weiter gekämpft haben, ist bewundernswert.
Bewundernswert ist auch, was die Höxteraner möglich gemacht haben, um dem begabten Schüler das Bleiben zu ermöglichen. Hunderte Freunde, Vereine, Gemeinden, Ärzte, Anwälte: sie alle zogen an einem Strang - und haben gewonnen.
So groß die Freude bei den Betroffenen über den Erfolg ist: Es ist ein Erfolg auf Zeit. Nicht mehr monatlich, dafür aber in einem Jahr legt das Amt die nächste Nagelprobe an und prüft die „Integrationsleistung“. Man darf sich aber sicher sein: Der Schüler wird alles tun, um den hohen Erwartungen zu entsprechen.
Andreas Moseke, Westfalen-Blatt vom 13.12.2011
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Gericht vertagt Entscheidung über Aufenthaltserlaubnis - 90 Schüler zittern mit
Das Verwaltungsgericht Minden hat gestern die Entscheidung über die Ausweisung des 18-jährigen Karen aus Höxter nach Armenien vertagt. Der Kreis Höxter muss prüfen, ob dem Gymnasiasten in seinem Herkunftsland Folter und Misshandlung drohen.
Es ist nur eine Atempause, die Karen Sedrakyan vom Gericht in Minden bekommen hat. Denn noch immer ist die Frage offen, ob der 18-Jährige in Deutschland sein Abitur machen darf oder ob er demnächst nach Armenien ausgewiesen wird.
Wie mehrfach berichtet, ist die Aufenthaltsgenehmigung des Schülers abgelaufen, unter anderem weil die Ehe seiner Mutter mit einem Höxteraner vor Ablauf der Frist in die Brüche gegangen war. Der Kreis Höxter hatte daraufhin den Ausreisebescheid ausgestellt.
Karen klagt jetzt gegen diesen Bescheid vor dem Verwaltungsgericht in Minden, wo es zur mündlichen Anhörung kam. Seine gesamte Jahrgangsstufe begleitete ihn gestern dorthin, um ihm den Rücken zu stärken. Das König-Wilhelm-Gymnasium, Karens Freunde und viele Höxteraner setzten sich schon in den vergangenen Wochen dafür ein, dass der überdurchschnittlich gute Schüler hier seinen Abschluss machen darf.
Richter Bernd Müller bewog gestern vor allem eine Frage dazu, noch nicht in Karens Sache zu entscheiden: Es ist nicht geklärt, ob dem 18-Jährigen nach seiner Zwangsrückkehr nach Armenien Repressalien drohen. Hintergrund ist, dass sich Karen seit dem 16. Lebensjahr in Armenien für den Wehrdienst mustern lassen muss. Eine Pflicht, der er bislang noch nicht nachgekommen ist, wie gestern deutlich wurde. "Damit ist Karen in Armenien straffällig geworden", stellte Müller fest.
Zwar könne der Schüler der Haft entgehen, wenn er sich gleich bei der Einreise den Behörden stelle. Doch sollte er ins Gefängnis müssen, wäre er unberechenbaren Haftbedingungen ausgesetzt.
Auf der anderen Seite ist der Wehrdienst nach Kenntnis Müllers für Exil-Armenier kein Zuckerschlecken. Das gehe aus einem aktuellen Lagebericht des auswärtigen Amtes hervor. Ein 42-monatiger Wehrersatzdienst außerhalb der Streitkräfte sei zwar theoretisch möglich, werde aber fast gar nicht in Anspruch genommen. "In ganz Armenien gibt es erst 24 Zivis", sagte Müller.
Der Kreis Höxter muss jetzt prüfen, welchen Repressalien Karen in der Haft oder beim Wehrdienst ausgesetzt wäre. Eine Stellungnahme des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge soll das klären. Solange diese Frage offen ist, ruht das Verfahren vor dem Verwaltungsgericht. Sollten Karen Gefahr drohen, wäre eine rechtliche Basis gegeben, die Ausweisung zu stoppen. "Dann gilt ein Abschiebeverbot", machte der Richter deutlich.
Karens Klage gegen den Ausweisungsbescheid des Kreises wäre erfolgreich.
Weitaus mehr Grund zur Hoffnung aber liegt für den 18-Jährigen in den Empfehlungen des Petitionsausschusses und der Härtefallkommission, wie Müller sagte. Die Einschätzungen dieser Gremien wären für den Kreis Höxter zwar nicht bindend, "wir würden uns aber danach richten", sagte Dr. Klaus Drathen, Chef der Kreis-Ausländerbehörde.
Der Antrag beim Petitionsausschuss liegt bereits vor. Die Härtefallkommission soll bis spätestens Ende Februar angerufen werden. "Reichen Sie den Antrag schnell ein", appellierte Drathen an Karens Rechtsanwältin Jeanette Specht und den stellvertretenden Schuldirektor Hans Nicolas. "So lange es Bewegung gibt, muss der Ausweisungsbescheid nicht unbedingt umgesetzt werden." Die Parteien einigten sich darauf, das Verfahren ruhen zu lassen, bis die Gremien ihre Einschätzung abgegeben haben.
Nicht erleichtert, aber doch zufrieden zeigte sich Karen nach der Anhörung. "Es ist gut, dass ich noch etwas Zeit bekommen habe", sagte er dem WESTFALEN-BLATT. Vor der Verhandlung sei er nervös gewesen. Aber der Beistand der fast 90 Schüler habe ihm geholfen.
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Eine Atempause haben Anwältin Jeanette Specht (vorne), stellvertretender Schuldirektor Hans Nicolas und Karen Sedrakyan gestern von dem Mindener Verwaltungsgericht bekommen. Karens gesamte Jahrgangsstufe hat ihm bei der Anhörung den Rücken gestärkt. |
Text und Foto: Andreas Moseke, Westfalen-Blatt vom 10.02.2011
Karen heute vor Gericht
Die Schüler der Jahrgangsstufe 11 des König-Wilhelm-Gymnasiums in Höxter begleiten heute, Mittwoch, ihren Mitschüler Karen Sedrakyan zu einer Verhandlung am Verwaltungsgericht in Minden. Das Gericht muss über den Widerspruch des armenischen Gymnasiasten entscheiden, dem die Abschiebung droht. Sollte dem Widerspruch stattgegeben werden, wäre dies ein positives Zeichen für den jungen Mann, der gerne in Deutschland das Abitur machen möchte.
Die Verhandlung findet nicht auf Betreiben des Kreises Höxter statt, betonte gestern Kreis-Pressesprecherin Silja Polzin auf Anfrage. Vielmehr habe Karen, der im übrigen ausreisepflichtig sei, das Verfahren selbst angestrengt. Der Kreis Höxter halte sich aber auch weiterhin an die getroffene Zusage, alle abschiebenden Schritte so lange auszusetzen, bis es eine Entscheidung des Petitionsausschusses gebe.
Westfalen-Blatt vom 09.02.2011
Karen richtet sich in neuer Wohnung ein - überwältigende Hilfe
Die Resonanz ist immer noch riesig: Viele Höxteraner greifen dem 18-jährigen, von Ausweisung bedrohten Karen Sedrakyan und seiner Mutter unter die Arme und helfen, sein neues Zuhause gemütlich zu gestalten. Gestern ist der Umzug mit Schülern, Lehrern und vielen weiteren Helfern über die Bühne gegangen.
Ein ganzer Hausstand an Sachspenden ist nach dem jüngsten WESTFALEN-BLATT-Bericht (19. Januar) zusammen gekommen, wie Karen schildert. Schreibtisch, Sofa, zwei Betten, eine komplette Küche, Lampen, ein massiver Kleiderschrank und vieles mehr haben die Höxteraner zur Verfügung gestellt. Eine Spenderin habe sogar eine neue Matratze samt neuer Bettwäsche gekauft. Karen persönlich freue sich besonders über ein Fahrrad, das er von einem Lehrer des König-Wilhelm-Gymnasiums bekommen habe. "Wir sind wirklich dankbar für die große Hilfsbereitschaft", sagt er. Sehr viele Menschen hätten helfen wollen. So viele, dass er zum Schluss sogar Spenden dankend ablehnen musste.
Bis zum Abitur im Jahr 2013, also etwa 30 Monate, darf Karen mietfrei in der 60 Quadratmeter-Wohnung bleiben. Die Schule hatte beim Petitionsausschuss den Antrag auf Bleiberecht eingereicht. Die Bearbeitung wird voraussichtlich mehrere Monate dauern. Der Kreis Höxter hat signalisiert, die Entscheidung der Parlamentarier zunächst abzuwarten.
Andreas Moseke, Westfalen-Blatt vom 26.01.2011
Hilfe für Karen geht weiter
Sachspenden für Küche und Schlafzimmer dringend gebraucht
Die Hilfewelle für Karen, der von der Ausreise bedroht ist, hat nicht nachgelassen. Nach dem gestrigen Artikel im WESTFALEN-BLATT über Karens aktuelle Situation und die Bitte, Sachspenden zu hinterlassen, trafen schon erste Pakete ein. Viele Tapeten, zum Teil noch original verpackt, wurden gespendet und werden in den nächsten Tagen an die Wände gekleistert. Zwei Schränke und drei Lampen wurden ebenfalls abgegeben.
Darüber hinaus freut sich Karen über einen tollen Teppichboden. "Viele Bürger haben angerufen und gefragt, was sie für den Gymnasiasten tun können. Das ist enorm", erzählt Dietmar Larusch. Doch die Einrichtung der Wohnung sei noch lange nicht komplett. Dringend benötigt würden Betten und Küchenmöbel wie Tisch und Stühle. Außerdem fehlen eine Waschmaschine, ein Herd und ein Kühlschrank. "Wer also noch etwas übrig hat, das er spenden kann, kann sich melden", sagt Larusch.
Morgen kommen die Maler und sorgen für den perfekten Anstrich. Ein Handwerker hat sich persönlich gemeldet und seine Hilfe angeboten, ein anderer wurde von Larusch angesprochen und um Unterstützung gebeten. Damit die neue Tapete und die Farbe angebracht werden können, muss alles zunächst herunter. Dafür sorgen Mitschüler von Karen. Drei von ihnen kamen gestern nach der Schule und packten mit dem Spachtel ordentlich an. "Karen ist ein guter Mensch, darum helfen wir gerne", erklärt Bastian Wulf seine Hilfsbereitschaft. "Seit wir erfahren haben, dass er ausgewiesen werden könnte, ist es für uns klar, dass wir helfen", sagt Marcus Kracht. Durch die vielen Aktionen entstehe sogar eine Freundschaft, meint Christian Czornik.
Bis Samstag soll die Renovierung abgeschlossen sein, damit der Umzug nächste Woche stattfinden kann. Karen ist überwältigt von der Hilfe: "Ich hätte nie gedacht, dass meine Mutter und ich soviel Unterstützung bekommen. Es ist einfach toll, dass sich die Bürger so sehr engagieren." Derzeit wohnt Karen in einer städtischen Unterkunft. Mit seiner Mutter in einer eigenen Wohnung zu leben, sei für ihn ein kleiner Traum. Bis zum Abitur im Jahr 2013, also etwa 30 Monate, darf Karen nun mietfrei in der 60 Quadratmeter Wohnung bleiben.
Nelli Freiman, Westfalen-Blatt vom 19.01.2011
Mietfrei bis zum Abitur
Hilfe für Karen
Die Hilfswelle für den 18-jährigen Karen wird immer größer: Kaufmann Dietmar Larusch, seit 24 Jahren verheiratet und Vater von zwei Kindern, will den Gymnasiasten Karen unterstützen, der von der Ausreise bedroht ist. "Als ich von dem Schicksal des Jungen erfahren habe, kam mir gleich die freie Dachgeschosswohnung in unserem Geschäftshaus in den Sinn."
Schriftlich habe Larusch jetzt der Stadt Höxter versichert, dass er Karen und die Mutter bis zum Erreichen des Abiturs (2013) in der etwa 60 Quadratmeter großen Wohnung mietfrei (außer Nebenkosten) wohnen lassen will.
Heute werden Schüler des KWG Karen bei den Vorbereitungen für den Umzug unterstützten. Wer noch Raufasertapete, Teppichboden oder Farbe für Karen übrig habe, könne sich direkt bei Larusch unter Tel. 38889 melden. Larusch: "Ich selbst lasse auf meine Kosten von Handwerkern die Wohnung technisch auf den neuesten Stand bringen, damit sich beide wohl fühlen!" Vom Petitionsausschuss ist inzwischen der Eingang des Antrags auf Bleiberecht bestätigt worden. Es könnte aber Monate dauern, bis eine Entscheidung getroffen werde. Solange will auch der Kreis Höxter abwarten.
Westfalen-Blatt vom 18.01.2011 |