Start Kursprojekte KWG-Schüler setzen sich für Kriegsflüchtlinge ein
KWG-Schüler setzen sich für Kriegsflüchtlinge ein
Donnerstag, 25. Februar 2010 um 11:19 Uhr

Kinderflüchtlinge aus Afghanistan werden vor den Toren Griechenlands von der Küstenwache gejagt, kentern und ertrinken. Diejenigen von ihnen, die Glück haben und überleben, steckt die Regierung in ein marodes Gefängnis. Sie kämpfen täglich ums Überleben. Das ist bittere Realität auf der Ägäis-Insel Lesbos.

Durch die Verschärfung des Asylrechts hat Europa das Flüchtlingsproblem seinen Randstaaten überlassen. Eine Höxteraner Schülergruppe will das nicht mehr länger hinnehmen und kämpft für die Schicksale der Jugendlichen.
sowi_lk_unterschriften_2.jpgAuslöser für die Aktion war ein Bericht in Die Zeit. „Der Artikel hat einen Sozialwissenschaften-Leistungskurs und mich so stark beeindruckt, dass wir uns entschlossen haben, nicht unserer Alltagsmoral zu frönen, sondern initiativ zu werden“, berichtet Lehrerin Sigrid Weber vom König-Wilhelm-Gymnasium in Höxter. Mit Hilfe von Unterschriftenaktionen und Briefen an die Ministerien wollen die Höxteraner für die afghanischen Kinder kämpfen, die von den europäischen Behörden sich selbst überlassen werden.
Doch zurück zum Ausgangsort: Mintilini, Hauptstadt der griechischen Insel Lesbos. Wer es bis hierhin geschafft hat, hat vielen anderen Flüchtlingen etwas voraus: Er ist am Leben. Wenn die Stürme das Meer aufwühlen, entern viele der kleinen Boote, die Wucht der Wellen zerschmettert die Körper an den Felsen. Einheimische müssen die Flüchtlinge dann auf dem St.-Panteleimon-Friedhof beerdigen. Ohne Verwandte, ohne Namen. Lediglich ein kleines Schild mit „Afghane Nr. 1“, oder „Afghane Nr. 2“ wird aufgestellt. Namen stünden für Menschen, die Toten von Lesbos werden in der „Verordnung (EG) Nr. 343/2003“, kurz Dublin II, jedoch als „Drittstaatsangehörige“ deklassiert. Auf drastische Art und Weise berichtet Die Zeit von einem dieser Einheimischen, der vor vielen Jahren selbst aus der Türkei mit dem Boot geflohen ist.
Dublin II: Eine Entscheidung, die im Dezember 2002 für Aufruhr sorgte. Europas Innenminister beschlossen, dass ein Flüchtling in der Europäischen Union nur einen Asylantrag stellen darf. Jeweils in dem Land, in dem er erstmals seinen Fuß auf europäischen Boden setzte. Länder wie Deutschland wurden so unerreichbar. Die Probleme für die Randstaaten hingegen größer. Der Flüchtlingsstrom reißt nicht ab. Viele erhoffen sich ein besseres Leben im fernen Europa. Doch kaum eine der Fluchten geht gut aus. Wenn die Kinder erst einmal im Verhörzimmer der griechischen Polizei sitzen, scheint ihr Schicksal besiegelt. Sie werden wie illegale Einwanderer behandelt und landen oftmals im berüchtigten Lager Pagani. Pagani ist der Kinderknast von Lesbos. Auf engstem Raum werden oft mehr als dreimal so viele Menschen eingesperrt, wie es die Verhältnisse zulassen würden. „Bis zu 160 Kinder teilten sich im vergangenen Jahr eine Toilette“, berichten Medien. Selbst Ärzte hätten die Zellen nicht betreten dürfen.

sowi_lk_unterschriften_1.jpg

Bild oben: Maren Sophie Krekeler und Niklas Broer kümmern sich um die Organisation des Projektes.

 

Bild links: Der Sozialwissenschaften-

Leistungskurs der Jgst. 13 mit Sigrid Weber (links).

Einigen Helfern gelang es dennoch eine Kamera in das Innere dieser Hölle zu schmuggeln. Die Bilder sorgen für Entsetzen.
Doch nicht nur im Lager, auch in den Städten herrschen untragbare Lebensbedingungen für die Kinder. Straßenstrich und Misshandlungen stehen auf der Tagesordnung. Das wollen die Höxteraner Gymnasiasten nicht länger zulassen.
Zunächst hatte der Kurs die Oberstufe der Schule informiert und Unterschriften gesammelt. Als nächstes wollen sich die Schüler per Mail an das Außenministerium und die Nordrhein-Westfälische Landesregierung wenden. So soll ein Teil der Flüchtlinge nach Deutschland geholt werden. „Herr Westerwelle müsste sich für die Einreisegenehmigung einsetzen, Herr Rüttgers sein Placet geben, diese Flüchtlinge in Nordrhein-Westfalen aufzunehmen“, sagte Sigrid Weber. Es solle dabei allerdings nicht darum gehen, Anreize für Flüchtlinge zu schaffen, sondern denen, die schon da sind, eine Perspektive zu bieten. Und zwar auf menschenrechtlicher Basis.
Konkret sieht der Entwurf wie folgt aus: Die jugendlichen Flüchtlinge sollen in kleinen Gruppen auf verschiedene Kommunen verteilt werden. Gerade in NRW stehen auf dem Land viele Häuser leer, in denen man eine Flüchtlings-WG gründen könnte. Diese Flüchtlinge sollen dann hier Deutschunterricht erhalten und eine Ausbildung beginnen und später als Multiplikatoren in ihre Länder zurückkehren. Um die Finanzierung sicher zu stellen sollen Unternehmen mit ins Boot geholt werden. Derzeit sammeln die Jugendlichen fleißig Unterschriften und wollen diese an Höxters Bürgermeister, Alexander Fischer, übergeben.

Neue Westfälische, 25. Februar 2010