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Wahl-O-Mat statt Flyer lesen
Donnerstag, 19. September 2013 um 09:17 Uhr

WB-Jungwähler-Gesprächsrunde im KWG: Schüler rufen Altersgenossen auf, Stimme abzugeben

 

Die Schülerinnen und Schüler des Geschichts-Leistungskurses der Jahrgangsstufe 12 des KWG in Höxter haben an alle Erstwähler eine große Bitte: Geht Sonntag wählen! Viele der angehenden Abiturienten verfolgen den Bundestagswahlkampf gespannt. Einige geben aber auch ehrlich zu: Politik interessiert uns wenig.

Die WESTFALEN-BLATT-Gesprächsrunde anlässlich der Bundestagswahl im König-Wilhelm-Gymnasium fördert Überraschendes über „unsere Jugend“ ans Tageslicht. Nur ein Teil der 19 LK-Oberschüler schaltet TV-Wahlsendungen ein oder liest Kandidatenportraits in den Tageszeitungen. Immerhin ist zwei Dritteln der jungen Leute der heimische CDU-Wahlkreiskandidat Christian Haase bekannt. SPD-Direktkandidatin Petra Rode-Bosse kennen immerhin noch fünf von 19 Schülern des Kurses. FDP-Mann Horst Grumich haben vier KWG-Pennäler wahrgenommen. Vom Grünen-Politiker Dirk Brinkschmidt hat nur eine Schülerin gehört. Der Rest der elf Bewerber um die Erststimmen im Wahlkreis Höxter-Lippe II ist unbekannt.

Schüler Dennis Weinhold: „Wir sollten alle wählen. Jede Stimme zählt dieses Mal.“ Adrian Dobrott: „Wir sollten mehr schätzen, dass wir wählen dürfen. In vielen Ländern der Welt ist das nicht möglich. Wer sich enthält, der macht die Falschen stark.“

Die 17 und 18 Jahre alten Geschichtsschüler haben sehr unterschiedliche Vorstellungen, wer am Sonntag in Berlin gewinnt. Katja Chytrek und Manuel Niemann sehen die AfD im Bundestag, und Manuel tippt sogar auf eine Zusammenarbeit mit CDU und FDP. Ramo Mrljanikovic, Tarek Borghoff und Lukas Prokopowicz erwarten eine rot-grüne Koalition auf der Siegertreppe. Erika Pankratz, Viktoria Borisenko, Maximilian Mönnekes und Jann Müller sind sich ganz sicher, dass Schwarz-Gelb mit Bundeskanzlerin Angela Merkel gewinnt.

Der 19-köpfige Leistungskurs stimmt am Ende der zweistündigen Gesprächsrunde sogar selbst geheim über die Parteien ab. Das Ergebnis der Vorwahl überrascht: SPD (zehn Stimmen), CDU (3), FDP (1), Grüne (1), Afd (1), Piraten (1), Linke (1), Die Partei (1). Damit wäre Peer Steinbrück Kanzler – aber nur im Geschichts-LK, aus dem sechs Schüler 18 Jahre alt sind und die alle am kommenden Sonntag auch erstmals wählen wollen.

Interessant ist die Bewertung des Steinbrückschen Stinkefinger-Fotos, das die Nation seit Tagen spaltet: Ramo meint, dass der Mann, der Kanzler werden wolle, damit weit über das Ziel hinaus geschossen sei. Dennis sagt, dass so eine Provokation bei vielen Jungwählern als „cool“ ankomme, bei den Älteren aber sehr negativ bewertet werde. Viele Schüler sind sich sicher, dass die Pose Steinbrück bei Jüngeren keine Nachteile bringe, sondern er dadurch im Gespräch sei. Rebekka Schlieker: „Die Aktion zeigt Lockerheit.“

Ein großes Thema ist im Kurs der Parteipräferenzen herausfindende Wahl-O-Mat auf vielen Magazin-Internetseiten, den viele Jugendliche schon getestet haben. Heraus kam im Gespräch auch, dass kein einziger Schüler bisher eine Wahlkampfveranstaltung oder einen Stand der Parteien auf heimischen Marktplätzen besucht hat. Flyer werden nicht gelesen, Plakate nur flüchtig wahrgenommen, und um Parteiprogramme haben alle bisher einen großen Bogen gemacht. Den Sex simulierenden TV-Spot der Gruppierung „Die Partei“ haben aber viele registriert. Kanzlerin Merkel ist einigen als sehr präsidial in ihrem Spot aufgefallen. Und auch das Fernsehduell Merkel-Steinbrück fand durchaus Schüler-Interesse.

Dennoch hat der Wahlkampf 2013 keinen KWG'ler thematisch wirklich bewegt. Früher gingen die Wogen besonders unter jungen Leuten mehr hoch. Nicht wenige sagen: „Ich habe mich mit Politik bisher nicht wirklich beschäftigt. Das ändert sich wohl erst, wenn man selbst sein Kreuzchen bei einer Wahl machen darf.“

 

Rufen alle Erstwähler zur Stimmabgabe bei der Bundestagswahl am Sonntag auf: Der Geschichts-Leistungskurs des König-Wilhelm-Gymnasiums Höxter, Jahrgang 12, mit Diana Bass, Tarek Borghoff, Viktoria Borisenko, Katja Chytrek, Adrian Dobrott, Nils Hansen, Maximilian Mönnekes, Ramo Mrljanikovic, Jann Müller, Manuel Niemann, Erika Pankratz, Nikola Pesa, Linda Preising, Lukas Prokopowicz, Niklas Püttcher, Rebekka Schlieker, André Schmitt, Dennis Weinhold und Viktoria Wiebe.

Foto: Michael Robrecht / Collage: Harald Iding

 

Westfalen-Blatt vom 19.09.2013, Michael Robrecht und Oliver Temme

 

Das sagt die Jugend zum Wahlkampf 2013

 

Viktoria Wiebe: „Die Parteiprogramme wollte ich mir zur Vorbereitung auf die Wahl im Internet durchlesen – merkte dann aber, dass das ganz schön viel Text ist.“

Ramo Mrljanikovic: „Wer Kanzler wird, ob Merkel oder Steinbrück, kommt aufs Gleiche raus.“

Katja Chytrek: „Bewegend fand ich den Auftritt von Peer Steinbrück, wo bei ihm die Tränen kullerten. Man hat gesehen, dass er auch nur ein Mensch ist.“

Lukas Prokopowicz: „Politik ist ein ernstes Thema. Dementsprechend muss auch ein Politiker Seriosität verkörpern. Ein Stinkefinger, wie ihn Steinbrück präsentiert hat, gehört da nicht rein.“

Adrian Dobrott: „Die Wahlplakate in der Lütmarser Straße in Höxter sind sinnbildlich für den Wahlkampf. Während Angela Merkel als bodenständige Frau dargestellt wird, sieht sich der kämpferische Steinbrück vom Treppchen aus von Menschen umjubelt.“

Viktoria Borisenko: „Ich will ja nicht irgendwen wählen, sondern die Richtigen. Ich denke, dass jede Stimme wichtig ist und habe wenig Verständnis für diejenigen, die nicht zur Wahl gehen.“

Nils Hansen: „Ich möchte von der Politik mehr Transparenz.“

Niklas Püttcher: „Ich wünsche mir von der Regierung ein Land, in der sich Arbeiten wieder lohnt.“

Dennis Weinhold: „Ich erhoffe mir in Berlin mehr Einsatz für das deutsche Volk.“

Maximilian Mönnekes: „Vieles wirkt aufgesetzt. Ich wünsche mir mehr Ehrlichkeit und Offenheit.“

Erika Pankratz: „Politiker sollten sich authentisch präsentieren, damit sich die Bürger wirklich richtig entscheiden können.“

Rebekka Schlieker: „Ich wünsche mir von den Politikern, dass sie ihre Wahlversprechen halten und nicht nach der Wahl herausgefunden wird, dass etwas doch nicht funktioniert.“

 

Kommentar

 

Kanzlerin Merkel kuschelt, und alle Wahlkämpfer in Deutschland kuscheln mit. Auch die heimischen Wahlkreiskandidaten gehen auffällig pfleglich miteinander um. Warum sollen sich da 19 Pennäler beim WB-Wahlforum im KWG politisch zoffen? Politischer Streit ist in heutigen Schülergenerationen untypisch geworden. Das ist kein Vorwurf an die netten KWG'ler. Politik spielt überall eine geringere Rolle als früher: Atomkraft, Nato-Doppelbeschluss, Irakkrieg, Sozialismus, Streitthemen wurden bei Abiturienten einst gerne ausgelebt. Und heute? Man geht wählen. Man diskutiert, doch Leidenschaft und Biss fehlen. Sport, Freizeit, Mode und Party gehören zur Lebenswirklichkeit, nicht Polit-Schlachten. Schule hat den Auftrag, der Jugend Politik nahe zu bringen. Eigentlich müsste jeder Abiturient einmal im Schulleben eine Ratssitzung besucht haben. Doch viele Eltern und Lehrer sind schon zufrieden, wenn der Nachwuchs wenigstens wählen geht. Immerhin.  

 

Michael Robrecht