Start Lebenswege Nils Goldschmidt, Abitur 1989 (Juni 2009)
Nils Goldschmidt, Abitur 1989 (Juni 2009)
Dienstag, 30. Juni 2009 um 11:03 Uhr

Freie Märkte, gleiche Chancen
Goldschmidt: "Soziale Marktwirtschaft funktioniert, wie ein gutes Fußballspiel"

Höxter. Ein Goldschmidt kommt in CDU und Mittelstandsvereinigung Höxter meistens allein. Das Angebot des "doppelten Goldschmidts" war an sich gut, aber die Nachfrage war gering. Auch dies ein Beispiel des freien Spiels der Kräfte in der freien sozialen Marktwirtschaft und der Macht des Konsumenten, worum es an diesem Abend im Gasthaus "Zum Landsknecht" thematisch ging.
Prof. Dr. Nils Goldschmidt, der von seinem Bruder, CDU-Ortsverbandsvorsitzender Ralf Goldschmidt, als Referent einer Vortragsveranstaltung eingeladen war, nahm es mit Humor. Als ebenfalls studierter Diplom-Theologe zitierte der Wirtschaftswissenschaftler und frühere KWG-Schüler, der sich auf das Jubiläums-Treffen seines Abitur-Jahrgangs 1989 am nächsten Tag freute, schmunzelnd aus der Bibel, Matthäus 13, Vers 57: "Der Prophet zählt bekanntlich nichts im eigenen Lande."

Denjenigen, bei denen er eben dennoch zählte, hatte der Professor an der Universität der Bundeswehr in München, allerhand interessante Einblicke, Erkenntnisse, und neue Gedankenanstöße rund um das Thema "Soziale Marktwirtschaft" zu bieten.
"Steckt die freie soziale Marktwirtschaft in einer Legitimationskrise oder ist sie Bollwerk?", griff Dr. Nils Goldschmidt die kursierenden Schlagworte vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschaftskrise auf. "Die freie Marktwirtschaft ist 1945 nicht vom Himmel gefallen", erläuterte er in einem geschichtlichen Rückblick auf Ludwig Erhards Anspruch "Wohlstand für alle!" und die Anfänge, die mit dem Wegfall der Bezugsscheine, der Einführung der neuen Währung und der Freigabe der Preise ihren Lauf nahm. "Die Märkte müssen funktionieren", führte er aus. "Aber es geht nicht nur um Markt und Wettbewerb. Auch dem Sozialen ist Geltung zu verschaffen. Der Markt ist zu nutzen, um Soziales umzusetzen."

Ziele der Marktwirtschaft im Sinne Erhards sei die Chancengleichheit für alle, jenseits von Klassenschranken. "Jedem muss die Chance gegeben werden, entsprechend seiner Fähigkeiten und Talente, etwas zu erreichen."
Sehr erschüttert habe ihn die Hoffnungslosigkeit, die in einer aktuellen Umfrage unter achtjährigen Kindern zum Ausdruck kam. "Es geht nicht an, Kindern zu vermitteln: "Ihr seid arm, und ihr bleibt arm!"
Man könne sich die Soziale Marktwirtschaft vorstellen wie ein Fußballspiel. Gleiche Regeln, und zwar gute und kluge Regeln, für alle. "Dann wird es ein gutes Spiel." Der Staat sollte sich heraushalten. Eingriffe des Staats, um gewisse Branchen zu pampern, führten zu Wettbewerbsverzerrung und störten das freie Spiel der Kräfte. "Es geht nicht darum, Unternehmen zu retten. Und Arbeitsplätze rettet man dadurch, dass man Menschen befähigt und dafür sorgt, dass sie flexibel bleiben, um neue Arbeit aufzunehmen."

"Warum wird Opel gerettet, aber Heidelberger Druck nicht? Wo ist da die Logik?" Die Entscheidung, sich bei Arcandor herauszuhalten, sei völlig richtig gewesen.
"Einige Dinge laufen bei uns ganz gut", stellte Goldschmidt fest und zog Vergleiche mit den USA und anderen europäischen Staaten. "Wir können ruhig stolz auf unseren funktionierenden Sozialstaat sein, der als automatischer Stabilisator für den sozialen Frieden wirkt. Aber wir dürfen auch nicht nur das Hohelied des freien Marktes singen, sondern müssen weiterfragen, was damit gemeint ist. Jahrzehntelang haben wir uns darüber gefreut, aber versäumt, die soziale Marktwirtschaft weiterzuentwickeln." Zur Degeneration führten die Trennung von wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen entgegen einer Sozialpolitik mit dem Markt; die Krise der sozialen Sicherungssysteme entgegen einer qualitativen Sozialpolitik; Privilegienvergabe (wirtschaftlich und sozial) entgegen Chancengleichheit und der Rückzug der Ökonomen aus der Politik entgegen sinnvoller Politik- und Bürgerberatung.
"Was bleibt, ist eine traurige Botschaft", führte Goldschmidt aus. "Weder Markt und Unternehmen noch Politik können alles regeln. Verantwortlich ist jeder selbst." Auch Unternehmen müssten sich als Bürger sehen und verantwortungsbewusst einbringen. Beispielsweise durch die Einrichtung von Betriebskindergärten. Dies sei eine klassische "Win-Win-Situation", von der alle profitieren. Im Zweifel seien Manager nicht gierig. Sie streben nach Erfolg und Gewinn. Die Verantwortung jedes Einzelnen sei es, politisch öffentlich und als Konsument zu wirken. Als Beispiel nannte Goldschmidt die Einführung von "Basic-Bioprodukten für alle" zu moderaten Preisen in den großen Discounter-Märkten. "Die haben gemerkt, dass es hierfür einen Markt gibt, und das wiederum liegt in der Verantwortung des Konsumenten. Und was bei Lebensmitteln funktioniert, funktioniert auch bei Geld- und Aktiengeschäften", erklärte Prof. Dr. Nils Goldschmidt überzeugt.
Damit stieß er insgesamt auf Zuspruch und Widerspruch, so dass sich dem Vortrag eine lebhafte Diskussion anschloss.

Zur Person Nils Goldschmidt

Nils Goldschmidt wurde 1970 in Höxter geboren und besuchte das König-Wilhelm-Gymnasium (KWG), wo er 1989 das Abitur machte. In Freiburg studierte er Theologie und Volkswirtschaft. 2001 promovierte er und erwarb den Doktortitel in Volkswirtschaft, 2008 legte er die Habilitation ab. Seit 2002 war er Forschungsreferent am Walter-Eucken-Institut, Freiburg. Seit 2008 ist er Professor an der Universität der Bundeswehr in München. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Theorie der Sozialpolitik, Ordnungstheorie und -politik, Sozialer Wandel und Inklusionsforschung, Sozialer Wandel und Transformationsforschung, Wirtschafts- und Unternehmensethik, Kulturelle Ökonomik sowie Geschichte und Methodologie der ökonomischen Theorie. Prof. Dr. Nils Goldschmidt hat zahlreiche Bücher zu seinem Fachgebieten herausgegeben und schreibt regelmäßig für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Rundschau. (rho)

Roswitha Hoffmann-Wittenburg, Neue Westfälische, 16. Juni 2009