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Hans Heiner Boelte, Abitur 1960 (Mai 2010)
Mittwoch, 26. Mai 2010 um 12:16 Uhr

Für den Vater auf die Schützenfeste

Fernsehdirektor a.D. Hans Heiner Boelte hat Journalismus beim WESTFALEN-BLATT gelernt - Klassentreffen in Höxter

 

Mit Stolz schauen Lehrer auf die Absolventenjahrgänge ihrer Schule und weisen gerne auf kluge Köpfe hin: Das König-Wilhelm-Gymnasium in Höxter haben gleich mehrere bundesweit bekannte Gesichter besucht: auch Hans Heiner Boelte (70).

Das Gymnasium in Höxter hat mit Klaus Töpfer (Abi 1959) einen Bundesminister hervorgebracht, die Fotografin Anja Niedringhaus (Abi 1986) ist Pulitzer-Preisträgerin, und Florian Mausbach (Abi 1963) hat als Bundesbaudirektor den Umzug Bonn-Berlin organisiert. In der Reihe der Schul-Promis darf einer wie der TV-Journalist Dr. phil. Hans Heiner Boelte nicht fehlen. Der Publizist war über Jahrzehnte ein bekannter Fernseh-Kopf in ZDF und Südfunk Stuttgart. Er hatte alle vor dem Mikrophon: Brandt, Kohl, Strauß und Merkel. Als Miterfinder moderner Wahlsendungen und der Hochrechnungspräsentation des ZDF bei Bundestags- und Landtagswahlen hat er Pionierarbeit im deutschen Fernsehen geleistet.

"Man muss sich vorstellen, dass es Ende der 70er Jahre nur ARD und ZDF gab und die Wahlberichterstattung in der völlig neuen Form Vorbild für viele war", erzählt Boelte bei seiner jüngsten Höxter-Visite anlässlich des Gold-Abiturs. Wenn er die Räume des WESTFALEN-BLATTES in der Westerbachstraße 22 besucht, ist das für ihn immer auch ein Stück Rückkehr zu den eigenen journalistischen und familiären Wurzeln.
Sein Vater Hans Boelte war nach dem Krieg der erste Leiter der Lokalredaktion der WESTFALEN-Zeitung in Höxter. Dass die ganze Familie beim Zeitungmachen mit eingespannt war, das ist Boelte noch sehr präsent.
"Mein Vater hatte ein kleines Büro gleich unten im Haus Westerbachstraße 22. Vielleicht zwei Seiten mit Kreis-Höxter-Stoff hat er dort seit 1946 produziert: Regelmäßig brachte er Texte und Fotos selbst nach Bielefeld in den Verlag; und ich war oft dabei", erinnert sich Boelte an diese Gründerzeit.

Lange sei der Vater mit dem Motorrad über die Dörfer zu Terminen gefahren, später dann mit der stadtbekannten WESTFALENBLATT-Isetta. Bis heute unvergessen ist die 50er-Jahre-Serie "In jenen Tagen", mit der Hans Boelte das Standardwerk über das Kriegsende 1945 im Kreis Höxter verfasst hat. Der Vater sei fast jeden Abend unterwegs gewesen, erinnert sich Boelte noch genau.
"Ich selbst habe mit 14 oder 15 Jahren meine ersten journalistischen Gehversuche unternommen, als ich die Schützenfeste für meinen Vater fotografierte", schildert der Höxteraner. Auch seine Mutter Hedwig sei bis 1991 für die Zeitung im Einsatz gewesen. Bedeutungsvoller seien seine Artikel erst durch Besuche bei den Corveyer Musikwochen und im Theater in Höxter geworden.
"Spannend fand ich immer Wahlen. Die Ergebnisse kamen per Telefonanruf in der Redaktion an, und dann haben wir die Ergebnislisten im Fenster in der Westerbachstraße ausgehängt ", so Boelte. Das sei damals für die Leute ohne Fernseher die einzige Informationsquelle gewesen. Lange Schlangen hätten abends am Fenster gestanden.
Einer seiner ältesten Schulfreunde war Klaus Töpfer: "Wir haben schon als Siebenjährige immer bei uns in der Wohnung in der Stummrigen Straße gespielt, weil wir das größere Wohnzimmer hatten", schmunzelt Boelte. Die Verbindung zu Ex-Minister Prof. Töpfer, der wieder in Höxter wohnt, hat bis heute gehalten. Er selbst wolle den Ruhestand aber lieber im Schwarzwald verbringen, wohin er mit seiner Frau aus Stuttgart gezogen sei, so der TV-Mann.
Vier Kinder hat Boelte und 17 Enkel: Tochter Annemone, die in den 80er Jahren als Volontärin ihre Berufslaufbahn beim WESTFALEN-BLATT begann und die Journalistentradition der Familie fortsetzte, hat später Hans-Holger Albrecht geheiratet. Albrecht ist der Bruder der heutigen Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen und Sohn des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht. Sieben Kinder haben die beiden.
Das Treffen der 1960er Abitur-Klasse in Höxter, das Architekt Karl- Heinz Rode organisiert hat, hat Hans Heiner Boelte genossen: Besuche im König- Wilhelm-Gymnasium, im Pins-Museum und ein Abend bei Familie Rode standen an.
Und mit besonderer Freude hat er sich die Räume seiner Heimatzeitung angesehen: "Schön haben Sie es heute hier", sagt er und findet auch lobende Worte für das moderne Erscheinungsbild des WESTFALEN-BLATTES.
Er habe in der Lokalredaktion das Handwerk gelernt und wisse, was es heiße, Lokalredakteur zu sein. "Das ist doch das Schönste, was es im Journalismus gibt", schwärmt Hans Heiner Boelte, der bei seinen Höxter-Besuchen regelmäßig auch bei seiner Schwägerin Marianne Fien und alten Freunden zu Gast ist.


Zur Person

Dr. Hans Heiner Boelte ist am 15. Juli 1939 Paderborn geboren worden. Seine Schulzeit verbrachte er in Höxter, wo sein Vater die Westfalen-Zeitung leitete. 1960 legte Boelte am KWG Höxter sein Abitur ab und studierte bis 1965. Seine berufliche Laufbahn begann im Bonner Büro für internationale soziale Hilfe. 1967 wechselte er als Pressesprecher zu Kultusminister Bernhard Vogel nach Mainz. 1972 kam er zum ZDF. Ab 1977 war Boelte Hauptredaktionsleiter Innenpolitik. Er galt über Jahre als eines der Gesichter des ZDF, besonders bei Wahl- und Politiksendungen. 1984 ging Boelte als Fernsehdirektor zum SDR Stuttgart. 1992 wurde er Koordinator für Kirche und Musik der ARD. Boelte ist seit 1963 verheiratet und Vater von vier Kindern. Er sitzt im Zentralkomitee der Katholiken (ZdK). Heute lebt der Publizist als Pensionär mit Frau Waldtraud in Furtwangen im Schwarzwald.

 

Text und Foto: Michael Robrecht, Westfalen-Blatt, 12. Mai 2010