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Christoph Otten, Abitur 1986 (März 2011)
Donnerstag, 24. März 2011 um 00:00 Uhr

Stadtrundgang mit Pickelhaube

Außergewöhnliches neues Angebot: Christoph Otten führt Geschichtsfreunde zu militärhistorischen Plätzen in Höxter

 

Die fleckengetarnte Uniform der Bundeswehrsoldaten und der grüne Rock der Schützengilde sind für die Höxteraner gewohnte Anblicke. Seit einigen Monaten fällt jedoch ein Stadtführer in blauer Uniform mit Pickelhaube auf: Christoph Otten.

Wenn der 45-jährige Höxteraner formvollendet durch die Innenstadt marschiert, ist er nicht nur für die Teilnehmer der ersten militärhistorischen Stadtführung im alten Garnisonsort ein Hingucker: „Guten Tag, ich trage die Uniform eines Majors des Infanterie-Regiments Graf Bülow von Dennewitz, 6. Westfälisches No. 55, aus Höxter“, meldet er seinen Gruppen, die er zwei Stunden führt. „Es gibt Stadtrundgänge für Touristen, Frauen oder Heimatfreunde, warum soll es nicht auch eine speziell für Soldaten, Reservisten, Ehemalige aus der General-Weber-Kaserne und Geschichtsinteressierte geben?“, meint der Anwalt.

Auf die Idee, eine solche Führung zu früheren vom Militär genutzten Örtlichkeiten auszuarbeiten und anzubieten, kam der ehemalige KWG-Schüler bei einem Besuch bei der Husarenkameradschaft in Stendal, wo ein Mitglied des dortigen Traditionsvereins etwas Ähnliches auf die Beine gestellt hat.

So hat Otten, der „im richtigen Leben“ Rechtsanwalt, stellvertretender Kommandeur der Schützengilde Höxter, Reserveoffizier und Mitglied in der Husarenkameradschaft Rheder ist, inzwischen schon mehrere Gruppen zu militärhistorischen Sehenswürdigkeiten geführt. „Selbst die gebürtigen Höxteraner wundern sich, wie viele Relikte - besonders aus Preußen- oder Kaiserzeit - noch zu sehen sind“, schildert Christoph Otten, der aus seiner Wohnung am Berliner Platz einen vorzüglichen Blick auf die 100 Jahre alte Neue Wache (heute Kinderschutzbund) und das frühere Offizierskasino (heute Jugendtreff) hat.

Wie bei seinem Vortrag beim „Arbeitskreis Geschichte“ des Heimat- und Verkehrsvereins vor einigen Tagen, holt der Höxteraner Jurist weit aus, wenn er erklärt, wie lange es in Höxter schon „Militär“ gibt. Angefangen bei den Römern, die hier in der Gegend waren, über die mittelalterlichen Konkurrenzkämpfe mit Corvey, die Schützengilde in der Renaissancezeit bis zu Kaisermilitär, Wehrmacht und Bundeswehr: „Mit manchmal jahrelangen Unterbrechungen waren in Höxter immer Uniformierte“, meint Otten.

Nicht ohne Stolz verweist der „Militär-Stadtführer“ auf ein besonderes Jubiläum: Genau 150 Jahre sei Höxter Garnisonsstadt. Ende Mai 1860 rückten die ersten preußischen Infanteristen in die Stadt ein und bezogen in vielen Häusern des 4000-Seelen-Weserstädtchens Quartier. Bei seiner Stadtführung zeigt Otten die alten Preußen- und Kaiserära-Kasernen in der Stummrige Straße (heute Arge), Lütmarser Straße (Asylbewerberwohnheim) und den Standort der Kasernenblocks am Berliner Platz (heute Parkplatz).

Wenn Christoph Otten an der Telefonzelle unter den Fenstern des Kinderschutzbundes am Wall an der Neuen Wache steht, wird das alte Wachhäuschen mit Posten vor seinem geistigen Auge lebendig: „Genau, dort, wo die Telefonzelle aufgebaut ist, stand der Wachposten“, zeigt er den Teilnehmern der Führung ein historisches Foto zum Vergleich. In der Neuen Straße 28, gleich vis-a-vis des Stadthauses, war einst das Standortgefängnis; und auch neben dem Eingang zu „Donum Vitae“ in der Neuen Wache zeigen die vergitterten Fenster noch sehr deutlich, dass hier Fahnenflüchtige im Namen des Kaisers eingebuchtet waren.

Auch ehemalige Kommandeurswohnhäuser hat Christoph Otten lokalisiert: Es gebe Alt-Höxter-Fotos mit Wachhäuschen davor: „Das ist ein sicheres Zeichen, dass dort der Kommandeur wohnte.“

Wenn Christoph Otten mit Pickelhaube und Uniform eines Höxteraner Offiziers der 55er Infanteristen mit seinen Gruppen zur General-Weber-Kaserne zieht, um dort die Blocks und auch das Offiziersheim von 1936 anzusehen, drückt er immer seine Hoffnung aus, dass der Bundeswehrstandort Höxter bei der Reform im Sommer erhalten bleibt: „Soldaten gehören fest zu Höxter und haben mit den Einwohnern immer ein gutes Einvernehmen gepflegt“, unterstreicht der Militärexperte.

Nur einmal, 1886, hätten die Preußen nach einem Manöver der Kreisstadt verärgert den Rücken gekehrt. 30 Soldaten waren noch nicht in festen Kasernen, sondern beim Bauern Watermeyer in der Altstadt in einer Scheune in Holzbetten auf nacktem Boden einquartiert. Die Wände der Unterkunft waren feucht, es gab - laut eines Berichts des Regimentsarztes - verdorbene Luft aus Latrine und Schweinestall. Zwei Mann lagen in einem Bett. Stadt und Privatleute bauten danach schnell auf eigene Kosten Kasernenblocks, so der Stadtführer. Mit Christoph Otten kann man übrigens Termine für eine militärhistorische Stadtführung jederzeit absprechen: Tel. 05271 - 38225.

Ausführlich wird die Militärgeschichte des Kreises Höxter und des Paderborner Landes in einem Buch von Henner Schmude erzählt: Bonifatius-Verlag Paderborn, 200 Seiten, viele historische Fotos, ISBN 978-3-89710-423-5.

 

Text und Foto: Michael Robrecht, Westfalen-Blatt vom 19.03.2011