Start Lebenswege Anja Niedringhaus, Abitur 1986 (August 2011)
Anja Niedringhaus, Abitur 1986 (August 2011)
Mittwoch, 21. September 2011 um 00:00 Uhr

Sicheres Gefühl für das richtige Motiv

Anja Niedringhaus ist in Kriegsgebieten im Einsatz - AP-Cheffotografin und Pulitzer-Preisträgerin


Anja Niedringhaus redet nur ungern über ihre Bilder. Sie fotografiere aus dem Bauch heraus, sagt sie. Wie untrüglich ihr Gefühl für das richtige Motiv ist, das erleben Millionen Menschen weltweit, wenn sie Niedringhaus-Fotos in den Zeitungen sehen. Die Höxteranerin stellt ab September in Berlin markante Kriegsfotos aus.

Viele Bilder sind nur mit dem Agenturkürzel AP gekennzeichnet. Dass dahinter tatsächlich ein echter Niedringhaus steckt, wird im in Kürze erscheinenden Katalog zur Ausstellung "At War" ("Im Krieg") im renommierten "Postfuhramt" in der Oranienburger Straße so richtig deutlich. Die Präsentation beim "International Forum for Visual Dialogues" mit den Partnern Associated Press (AP) und Deutsche Börse Group gilt als eine besondere Ehre. Die Eröffnung ist am Freitag, 9. September, um 19 Uhr. Passend dazu widmet ihr das ZDF-Magazin "Aspekte" einen ausführlichen Beitrag.

Um zu verstehen, was die 46-jährige Höxteranerin beruflich antreibt in die gefährlichsten Krisengebiete der Welt zu fliegen und dort zu arbeiten oder Papst, US-Präsident, Kanzlerin, Queen und Kreml-Chef abzulichten, erfährt man aus Zitaten: "Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt", beschreibt sie ihr Credo.

Ihr erster Fototermin war im Bad Driburger Rathaus das 40-jährige Arbeitsjubiläum eines städtischen Mitarbeiters Mitte der 80er Jahre. Dass sie als KWG-Schülerin ohne Führerschein die 30 Kilometer von Höxter nach Driburg und zurück gefahren ist, erzählt sie heute als pikante Anekdote.

Ihre Fotos kennt man, ohne es zu wissen. Sie erscheinen weltweit auf den Titelseiten und prägen tagtäglich unser Bild von Krisen und Kriegen. Ob Kroatien, Serbien, Kosovo, Bosnien, Irak, Afghanistan, Libyen oder Israel - seit 20 Jahren fotografiert Anja Niedringhaus mit eindringlicher Schonungslosigkeit das Leid und Elend weltweit, loben Chefredakteure.
Als eine der wenigen Frauen in dem Bereich der Reportagefotografie dokumentiert sie die menschlichen Tragödien und tiefen Spuren, die die Gewalt hinterlässt. Auf ihren Einsätzen fotografiert Anja Niedringhaus keine Szenen, vielmehr steht sie mittendrin, ist Akteurin im Krieg.
Anja Niedringhaus arbeitet unter extremen Bedingungen. Sie sucht genau diese Grenzerfahrung, weil sie sich selbst und den Menschen dort am nächsten ist. Oft wird man sich als Betrachter dessen gar nicht bewusst, weil der Kontext die Dramatik unterläuft. Immer steht bei ihr der Mensch im Vordergrund - Soldaten, eine strapazierte Zivilbevölkerung, Gefangene. Erschöpfung, Verzweiflung und Anspannung zeichnen die Gesichter, in wenigen Momenten - völlig unerwartet - auch Lachen, Leichtigkeit und Freude inmitten in der Not. Die Fotografin begegnet den Menschen mit Neugier und Verständnis, nie verletzt sie die Würde der Betroffenen.

Wie sind diese Extremsituationen auszuhalten? "Die Kamera schafft Distanz und ist auch ein großer Schutz", beschreibt sie. Es gebe keine Zeit für Inszenierungen. Die Konzentration auf ihre Aufgabe schirmt Anja Niedringhaus gegen die Eindrücke ab. Andererseits hat sie einmal bei Kämpfen Verletzte ins Krankenhaus in Sarajevo gefahren und dabei ihren Job, das Fotografieren, völlig vergessen.

Die Fotografin erlebte alle großen Konflikte in der Welt - vom Balkan in den 1990er-Jahren bis Kriegen im Irak, in Afghanistan und Libyen. "Ich fotografiere aber nicht nur Kriege, sondern auch Sport und Politik", schildert sie.

Anja Niedringhaus ist nach der Verletzung durch zwei Granatsplitter 2010 in Afghanistan in einem US-Hospital und im St.-Ansgar-Krankenhaus Höxter operiert worden. Leichte Folgeschäden der Verletzung sind ihr geblieben.

 

Fotografin und Pulitzer-Preisträgerin Anja Niedringhaus kommt aus Höxter und wohnt in Kassel.


Michael Robrecht, Westfalen-Blatt vom 12.08.2011

 

 

Höxteranerin Anja Niedringhaus zeigt Fotos vom Krieg

 

Großer Rummel um die aus Höxter stammende Fotografin und Pulitzer-Preisträgerin Anja Niedringhaus: In Berlin hat die 46-Jährige im C/O Oranienburger Straße (35/36) ihre Ausstellung „At War“ mit Fotos aus Afghanistan, vom Balkan und aus dem Irak eröffnet. Die Bilder finden sich auch in einem Katalog, der im heimischen Buchhandel erhältlich ist. Zudem haben mehrere TV-Sender Anja Niedringhaus, die zurzeit wieder in Afghanistan fotografiert, Fernsehportraits gewidmet. An der Ausstellungseröffnung, die parallel zur großen 9/11-Ausstellung im „Postfuhramt“ in Berlin stattfand, haben nicht nur Familie, Freunde und Bekannte, sondern auch viele Berlin-Höxteraner - wie die Bundestagsabgeordnete Marie-Luise Dött - teilgenommen. Sogar die weltbekannte „Washington Post“ berichtete groß über die Präsentation der Kriegsfotos der AP-Cheffotografin.

 

Michael Robrecht, Westfalen-Blatt vom 21.09.2011