Start Lebenswege Klaus Töpfer, Abitur 1959 (März 2012)
Klaus Töpfer, Abitur 1959 (März 2012)
Montag, 19. März 2012 um 09:18 Uhr

"Respekt vor Vielfalt bringt Frieden"

Aussöhnung zwischen Arm und Reich: Klaus Töpfer fesselt 300 Zuhörer mit Vortrag beim Forgiveness-Projekt

 

Höxters Ehrenbürger Professor Dr. Klaus Töpfer ist, wie er sagt, zum "ehrenamtlichen Botschafter für die Energiewende in Deutschland" geworden. Dass dieser epochale Kurswechsel in anderen Ländern Armut lindern kann, hat der frühere Bundesminister und Chef des UNO-Umweltprogramms am Freitag etwa 300 Zuhörern in der Kilianikirche beherzt und fundiert vor Augen geführt.

"Leben die Reichen auf Kosten der Armen? - Ist eine Aussöhnung zwischen Arm und Reich möglich?" Klaus Töpfer will weder schwarzmalen, noch Elend verharmlosen, wenn er diese Fragen beleuchtet. Dass sich Einkommen weltweit auf ein ähnliches Niveau angleichen, sei weder realisierbar, noch erstrebenswert: "Der Respekt vor der Vielfalt auf diesem Planeten bringt Stabilität in Frieden und Freiheit", fasst der weit gereiste Politiker, der an der Universität in Shanghai lehrt, eine Grundüberzeugung zusammen.

Er tut dies an einem Ort, an dem er sich zu Hause fühlt. Und an dem er seine soeben formulierte Botschaft umgesetzt sieht. Denn der Abend mit ihm - ein Programmpunkt im Rahmen des Forgiveness-Projekts der Evangelischen Kirchengemeinde - führt die Konfessionen zusammen. Töpfer, der Katholik, zeigt sich hocherfreut darüber, dass Pfarrdechant Ludger Eilebrecht den Menschen im Sonntagsgottesdienst in der Nikolaikirche die Veranstaltungsreihe der evangelischen Mitchristen als lohnenswert empfohlen hatte. "Das war noch nicht möglich, als ich klein war", konstatiert Töpfer, der in Höxter aufgewachsen ist und der Heimat auch während seiner Jahre in Bonn, Berlin und Nairobi immer treu verbunden war.

In den Medien präsent ist der Höxteraner derzeit nicht nur, weil er beinahe Bundespräsident geworden wäre. Ein Jahr nach der Jahrhundert-Katastrophe in Fukushima rückt die Energiewende erneut in den Fokus der breiten Öffentlichkeit. Töpfer hat sie als Chef der von Kanzlerin Angela Merkel eingesetzten Ethik-Kommission maßgeblich mit angestoßen. "Wir haben an dieser wichtigen Stelle das Diktat der Kurzfristigkeit durchschlagen", ordnet der frühere Bundesminister den Ausstieg aus der Kernenergie als Weichenstellung mit ethischer Tragweite ein. Und er erläutert schlüssig, wie die Energiewende Arm und Reich verbinden kann: "Wenn wir die Technologie für die Solarenergie zu einer Reife bringen, die sie preiswert genug macht, dann ist es den Menschen in Afrika möglich, sie zu nutzen." Genau das müsse sich ein reiches Land zur Aufgabe machen. Und: In dieser Zielsetzung müsse einer den Anfang machen, entgegnet Töpfer dem häufig genannten Einwand gegen den Atomausstieg, dass Nachbarländer an der Kernenergie festhalten.

Diese risikoreiche Technologie und die Nutzung fossiler Energieträger habe dem Gebot vermeintlich niedriger Energiekosten unterlegen, die Wettbewerbsfähigkeit ermöglichen und somit den Wohlstand tragen. Entstanden sei der Wohlstand, "weil wir andere ausgebeutet haben". Und das alles unter dem "Diktat der Kurzfristigkeit", dessen Offenbarungseid sich derzeit in den verschiedensten Krisen widerspiegele. Ein Umdenken sei nötig, wenn 15 Prozent der hier weggeworfenen Lebensmittel noch original verpackt seien, während eine Milliarde Menschen auf der Welt hungern.

Der Philosoph Hans Jonas habe Kants Kategorischen Imperativ auf das technologische Zeitalter hin aktualisiert: "Handle so, dass die Konsequenzen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden." Diese Maxime habe weitreichende Konsequenzen für die technische Weiterentwicklung. Der Dreiklang "vergeben - erinnern - verändern" liege ihm als Handlungsauftrag am Herzen, betont Töpfer. Und er ruft eindringlich zum Mitgestalten von Gemeinschaft auf - ganz im Geist der Forgiveness-Initiative, die er hoch schätzt.

Günter Schurig vom Arbeitskreis "Gemeinde gestaltet Gottesdienst" begrüßte in der Kilianikirche auch den Vorsitzenden des Vereins "koogito" und Initiator der Deutschlandtour der Forgiveness-Ausstellung, Dr. Martin Kasemann aus Denzlingen bei Freiburg. Die Präsentation portraitiert Menschen, deren Biographien exemplarisch zeigen, was Vergebung in Gang setzen kann. "Wer sie liest, findet vielleicht Lösungswege aus eigenen Problemsituationen", ermutigt Kasemann. Bis 25. März ist in der Kilianikirche Gelegenheit.

 

Schöne Geste der Verbundenheit: Aus dem gleichen Glas wie das neue Fenster in der Kilianikirche ist das Präsent, das Günter Schurig (links) Klaus Töpfer überreicht.

 

Zitate

  • "Sie haben bei der Aufzählung meiner Titel das Wichtigste vergessen: Ich bin Ehrenbürger von Höxter. Das reicht weiter als der Minister in Bonn oder Berlin. Hier bin ich zu Hause. Und ich freue mich darüber."
  • "Die größte Industrie ist die Meinungsbeeinflussungsindustrie."
  • "Ein Minister in Afrika hat mir gesagt: 'Ihr in Europa habt die Uhr. Wir haben die Zeit.'"
  • "Robert Kennedy hat einmal gesagt: 'Das Bruttosozialprodukt misst alles - außer dem, was das Leben lebenswert macht.'"
  • "Ich stehe hinter der sozialen Marktwirtschaft. Man fragt sich aber: Wer rettet die soziale Marktwirtschaft vor dem Kapitalismus?"
  • "Wir haben uns dem Diktat der Kurzfristigkeit untergeordnet. Da wird ohne Rücksicht auf Verluste auf den Finanzmärkten spekuliert. Die Blase dieser Spekulationen wird größer. Ihr Platzen würde uns in den Abgrund reißen."

Sabine Robrecht, Westfalen-Blatt vom 19.03.2012