Start Lebenswege Hans-Georg Stephan, Abitur 1968 (Sept. 2012)
Hans-Georg Stephan, Abitur 1968 (Sept. 2012)
Dienstag, 25. September 2012 um 14:00 Uhr

Als Corvey eine Großstadt war
Prof. Stephan erweckt bei Vortrag vor Corveyer Dynamikern die untergegangene Stadt neben dem Kloster zum Leben


Prof. Dr. Hans-Georg Stephan, Entdecker der untergegangenen Stadt Corvey, hält nur selten Vorträge in Höxter. Da wundert es kaum, dass dichtes Gedränge im Kaisersaal in Schloss Corvey herrschte. Stephan berichtete von seinen vielen Ausgrabungen.

Der Freundeskreis "Corveyer Dynamiker" hatte den früheren KWG-Abiturienten und heutigen Hochschullehrer in Halle eingeladen, um der Bürgerschaft mit Blick auf den Weltkulturerbeantrag die Bedeutung Corveys und die Größe der Stadt im Mittelalter plakativ zu verdeutlichen. Da die Grabungen auf dem ehemaligen Stadtgelände südlich der heutigen barocken Klosteranlage im Weserbogen und auf dem Sägewerksgelände schon 22 Jahre her sind, beeindruckte Stephan die 300 Gäste mit Karten, Grabungsfotos und der Einordnung der Größe der Anlage.
Höxter als Kommune und Corvey als eigenständige Stadt seien im 12. Jahrhundert die größten Städte in Mitteleuropa gewesen. Höxter habe 41 Hektar umfasst, die Stadt Corvey 60 Hektar. "Das waren damals Großstädte", verdeutlichte der Professor. Den Menschen muss sich von der Weser aus ein imposantes Bild geboten haben: St. Kiliani in Höxter mit Doppelturmfassade sowie weitere Stadtkirchen; die Marktkirche in der Stadt Corvey, die mit einer Sollingsandstein-Doppelturmfassade ähnlich groß war wie die Kilianikirche. Daneben (im Hafengelände) lag das Stift Niggenkerken mit einer Fassade mit zwei Türmen, dann erschien das Westwerk der Abteikirche Corvey plus die Propstei tom Roden mit Kirche.
Leider seien die Fundamente der Stiftskirche 1900 beim Hafenbau abgeräumt worden; kleinere Reste hat Prof. Stephan 1990 auf dem Grünstreifen zwischen Weser und Hafenbecken freigelegt. Beeindruckt waren die Zuhörer auch von dem Ausmaß der Marktkirche mit bebauten Nebenstraßen. 900 Meter gut befestigter Hellweg führten quer durch die Stadt zu Corveyer Weserbrücke und Weserfähre hinter der Eichenallee. Prof. Stephan sagte, dass die Brücke schon 1255 urkundlich belegt sei. 1990 habe er im Flussbett einen Brückenpfahl lokalisiert. Experten aus Hannover hätten kürzlich die Brückenfundamente erkundet, die bald frei gelegt würden. Der Hellweg, der über diese frühe Weserbrücke in den Solling führte, habe vom Ausbaugrad die Qualität einer Chaussee des 19. Jahrhunderts und liege gut erhalten in den Äckern des Weserbogens.
Sogar eine Arztpraxis hat Dr. Stephan im Corveyer Stadtgebiet entdeckt: Der Chirurg von der Weser sei auch in Oxford und Paris tätig gewesen und sei im Alter nach Corvey zurückgekehrt. Stephan und seine Grabungsteams fanden ein Skalpell für Augen-OPs, Wundmetallnadeln und eine Ärzteschere. Die Praxis habe zwischen Kanoniker-Stift Niggenkerken und der Marktkirche gelegen.
Die Corvey-Ausgräber haben in der Solling-Stadtwüstung Nienover ein mittelalterliches Haus rekonstruiert, das in dieser Bauweise auch in der Stadt Corvey zuhauf zu finden gewesen sei, so Prof. Stephan, der gerne weitere Grabungen auf dem Gelände, dessen Mauern bei einer Anerkennung als Welterbe durch Glasplatten teilweise sichtbar gemacht werden sollen, vornehmen möchte.
Stephan wies auch auf die exorbitante Größe der Brunsburg hin, die eine der gewaltigsten Burgen der Stauferzeit in Deutschland gewesen sei. Auch die Bedeutung der Höxteraner Kilianikirche als größte unveränderte romanische Stadtkirche in Mitteleuropa werde unterschätzt und müsse viel stärker herausgestellt werden.
"Ich bin Corveyer. Sogar mein Name hat einen Corvey-Bezug", scherzte Dr. Stephan. Er wies auf die neue LWL-Publikation über die Corveyer Grabungen hin, die passend zur Fertigstellung des Welterbeantrages erschienen sei.
Peter Gronemeyer, Vorsitzender der Corveyer Dynamiker, begrüßte die Gäste im Kaisersaal. Viktor Herzog von Ratibor lobte Prof. Stephan: "Niemand hat in Corvey so viel gegraben wie Sie." Der Herzog billigte dem Welterbeantrag echte Chancen auf Anerkennung zu. Ohne Dr. Stephans grundlegende Arbeit über Jahrzehnte sei der Antrag an die Unesco nicht denkbar gewesen.

 

Prof. Dr. Hans-Georg Stephan (3. von rechts) und Viktor Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey (4. v.re.) mit den Corveyer Dynamikern am Schlossportal: Prof. Stephan wurde vom Vorsitzenden Peter Gronemeyer (2. Reihe, 3. von rechts) im Kaisersaal begrüßt.


Michael Robrecht, Westfalen-Blatt vom 22.09.2012
 

 

50 Jahre Grabungen - Prof. Hans-Georg Stephan spricht in Corvey


Das Welterbe-Antragspaket, das von Dr. Brigitta Ringbeck maßgeblich erarbeitet wird, und am 1. Februar 2013 in Paris bei der Unesco zur Prüfung eingereicht werden soll, steht kurz vor der Vollendung. "Das Corveyer Westwerk als Kernobjekt des Antrages gilt als Meisterwerk. Es ist ein Beispiel einer kulturellen Tradition und ein architektonisches Juwel mit europaweiter Ausstrahlung", bescheinigt Prof. Hans-Georg Stephan dem ehemaligen Kloster.

Der Corvey-Kenner, früherer Abiturient am KWG in Höxter und seit 2004 Professor am Institut für Prähistorische Archäologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, wird auf Einladung der "Corveyer Dynamiker" über "Corvey – das Pompeji an der Weser" über 50 Jahre Ausgrabungen und Archäologie in Corvey am Donnerstag, 20. September, um 19.30 Uhr im Kaisersaal des Schlosses sprechen. Prof. Stephan wird aus den Anfängen der Corvey-Archäologie berichten. Die "Corveyer Dynamiker" bieten jedes Jahr einen Vortrag mit einem hochkarätigen Redner an.

 

Westfalen-Blatt vom 19.09.2012