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Stefanie Waske, Abitur 1997 (Febr. 2013)
Donnerstag, 28. Februar 2013 um 14:20 Uhr

Schlapphüte sollten Brandt stoppen

Dr. Stefanie Waske veröffentlicht Buch über geheimen „CDU-Nachrichtendienst“ – Autorin legte am KWG Abitur ab

 

Die aus Boffzen stammende Autorin Dr. Stefanie Waske hat herausgefunden, dass CDU und CSU zu Zeiten von SPD-Kanzler Willy Brandts umstrittener Ostpolitik einen eigenen Geheimdienst betrieben haben. Räuberpistole oder historisches Faktum? Die 34-Jährige hat bisher völlig unbekannte Belege entdeckt und jetzt ein Buch darüber veröffentlicht.

Derartige Spionageaktivitäten sind wohl nur mit dem aufgeheizten Klima des Kalten Krieges zu erklären: Als mit Willy Brandt 1969 erstmals ein Sozialdemokrat zum Bundeskanzler gewählt wurde, war das für viele Konservative gleichbedeutend mit einem GAU. CDU- und CSU-Anhänger bekämpften Brandt und dessen Ostpolitik wo sie konnten. Die Politikwissenschaftlerin Waske, die 1997 ihr Abitur am König-Wilhelm-Gymnasium in Höxter abgelegt hat, schöpfte aus jahrzehntealten Akten im Bundesarchiv Koblenz und aus archiviertem Briefverkehr von Parteigrößen in der Adenauer-Stiftung eine kleine Sensation: 1969 konspirierten CDU/CSU-Politiker, um den gerade zum Bundeskanzler gewählten „roten“ Willy Brandt wieder zu stürzen.

Anders als die Menschen sind Akten unsterblich und sorgen auch nach Jahrzehnten noch für bundesweite Aufmerksamkeit. So wie jetzt: „Ich bin 2005 bei Recherchen für meine Doktorarbeit über die Kontrolle der deutschen Geheimdienste auf die geheimen Aktivitäten von Spitzenpolitikern gestoßen“, berichtet Stefanie Waske. Das spannende und unerforschte Thema habe sie nicht mehr losgelassen: Die 34-Jährige erinnert: „Willy Brandts Ost- und Deutschlandpolitik war höchst umstritten. Politische Gegner und westliche Verbündete befürchteten den Ausverkauf deutscher Interessen. Da wollten die Unionsspitzen nicht ohne eigene nachrichtendienstliche Erkenntnisse dastehen.“

Die engere Unionsführung und ins Vertrauen gezogene Journalisten, Geheimdienstler und Diplomaten begnügten sich nicht mit Stammtischreden, sondern bastelten, so Autorin Waske, einen eigenen Geheimdienst zusammen, der weltweit Informationen in Botschafts- und Regierungskreisen sammelte. Politiker und CDU-Sympathisanten wurden von den „schwarzen Schlapphüten“ mit Dossiers versorgt. Sogar direkt in Honeckers Sekretariat und im SED-Politbüro saßen Quellen.

Finanziert von CDU/CSU und großzügigen Gönnern aus der Wirtschaft arbeitete das in den Dokumenten immer „Kleiner Dienst“ genannte Netzwerk von 1969 bis 1982, dem Jahr der Wahl von Helmut Kohl zum Kanzler. Stefanie Waske hat etliche Belege dafür zusammengetragen, dass Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg, der Großvater des namensgleichen Ex-Verteidigungsministers, zusammen mit einem anderen Baron, Hans Christoph von Stauffenberg, nach dem Machtwechsel 1969 den Dienst aufbaute. So hat Waske eine nicht näher spezifizierte „Aufzeichnung“ gefunden, wonach sich Kanzler Kiesinger, Franz Josef Strauß, Guttenberg und Hans Globke im Herbst 1969 zur „Gründung eines Informationsdienstes für die Opposition“ verabredeten. Auch Helmut Kohl soll Kenntnis von dem Dienst gehabt haben.

In der Union machte sich 1970/72 Panik breit: Wird die Bundesrepublik zur Beute der Sowjetunion? Hans-Christoph von Stauffenberg, ein Vetter des Hitler-Attentäters, kündigte seine Stelle beim Bundesnachrichtendienst, dem er unter der neuen Regierung nicht mehr vertraute. CSU-Chef Franz Josef Strauß organisierte für ihn eine Stelle in der Bayerischen Staatskanzlei, zwei ehemalige Mitarbeiter des BND halfen ihm bei der Anwerbung von Informanten.

Überwiegend im Ausland sind damals geheime, brisante Informationen beschafft worden. Dr. Stefanie Waske, Expertin für Geheimdienste, bringt diese Geschichte nun erstmals detailliert an die Öffentlichkeit – und präsentiert ein Netzwerk von Eliten, die keine Bedenken hatten, ihre Interessen unabhängig von der offiziellen Außenpolitik der Bundesrepublik „wegen der kommunistischen Gefahr“ durchzusetzen.

„Dieses Buch enthüllt einen politischen Skandal“, sagt die Boffzenerin Waske. Bundesweite Aufmerksamkeit in Medien und Politik ist der Autorin 2013 gewiss.

 

Reaktionen

Das CDU-Geheimdienst-Thema bleibt Jahrzehnte unerkannt. Erich Schmidt-Eenbohm erwähnt es in seinem Buch „Undercover“ (1998) und die Zeitschrift „Konkret“ gibt vor 30 Jahren wage Hinweise über eine geheime Nachrichtenbeschaffung durch konservative Kreise in Bonn. In der „Zeit“ hat Stefanie Waske kurz vor ihrem Buchprojekt über Quellen und Akteure berichtet. Sie hat auch CDU und CSU ihr Wissen vorgelegt. Dort war der Sachverhalt aber unbekannt. „Kein Kommentar.“ Auch der alte US-Außenminister Henry Kissinger äußerte sich nicht, ob er einst „Unions-Spione“ ins Vertrauen zog. Die „Daily Mail“ berichtete 2012 von Waskes Story, machte aber ein schrilles James-Bond-Stück daraus: „Henry Kissinger wollte mit der Bundeswehr Kanzler Brandt stürzen“.

Ex-Bundesarbeitsminister Norbert Blüm glaubt erst an eine Räuberpistole. Blüm, der damals als CDU-Exot für die Ostverträge stimmte, gesteht aber auch offen: „Ich weiß es nicht“. Brandt Unterhändler Egon Bahr zeigte sich wie Ex-Minister Klaus Kinkel entsetzt.

 

Zur Person

Stefanie Waske, 1978 geboren, ist in Boffzen aufgewachsen. Sie machte 1997 am KWG in Höxter ihr Abitur. Waske studierte in Marburg und Göttingen Politikwissenschaften und Philosophie und promovierte 2007 mit einer Arbeit zur Geschichte des BND, mit der sie in der Fachwelt auffiel. Die junge Frau arbeitete bei Lokalzeitungen und volontierte bei der Braunschweiger Zeitung. Seit 2010 arbeitet sie als Freie Autorin, so für die „Zeit“. 2009 wurde Waske mit dem Alexander-Preis für einen Artikel über den Abgeordneten Fritz Wenzel geehrt. Regelmäßig trifft man sie in Boffzen (ihr Vater ist der langjährige Holzmindener Landrat Walter Waske) und in Höxter, wo sie Kontakte pflegt. In Braunschweig betreibt sie heute ein eigenes Medienbüro und widmet sich ihren Buchprojekten.

 

„Nach Lektüre vernichten! Der geheime Nachrichtendienst von CDU und CSU“, Carl-Hanser-Verlag, ISBN 978-3-446-24144-2, 19,90 Euro, seit Dienstag im Buchhandel erhältlich.

 

Michael Robrecht, Westfalen-Blatt vom 28.02.2013