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Anja Niedringhaus, Abitur 1986 (Juni 2013)
Mittwoch, 19. Juni 2013 um 00:00 Uhr

Kriegsbilder berühren Betrachter

Ausstellung der Pulitzer-Preisträgerin Anja Niedringhaus im Forum Pins in Höxter

 

Subtile Blicke auf den Alltag des Schreckens: 45 Aufnahmen der Fotografin und Pulitzerpreisträgerin Anja Niedringhaus, die in Afghanistan, Gaza, Libyen und dem Irak entstanden sind, zeigt das Forum Jacob Pins in seiner aktuellen Ausstellung.

Noch nie war eine Vernissage im Pins Forum so gut besucht wie die, als die Ausstellung „Anja Niedringhaus.at war“ eröffnet wurde. Museumskurator Dr. Dieter Schuler konnte auch viele ehemalige Lehrer und Freunde der 1965 in Höxter Geborenen begrüßen. „Sie hat gültige Ikonen der Kriegsfotografie geschaffen“, sagte Dr. Schuler.

Durchgängig zeigen die Kriegsbilder von Anja Niedringhaus, die schon verschiedentlich in Ausstellungen an prominenten Orten gezeigt wurden, ihren ganz eigenen Stil. Die Angst beispielsweise in den Augen eines GIs, der eine Razzia in einem Haus in Bagdad durchführt, unterscheidet sich nicht sehr von der in den Augen der Frau, die zurückgedrängt an der Wand steht. Inmitten von Trümmern: Zwei Jungs spielen mit einem Telefon, das Kabel ist abgerissen. Ein Hauptfeldwebel feiert mit brennenden Kerzen frühmorgens seinen 34. Geburtstag während einer Patrouille in eine Gebirgsregion Afghanistans.

„Schnell rein und dann schnell wieder raus“, das sei nicht ihr Ding, sagt die mittlerweile fast schlohweiße Frau, die jetzt für die Agentur Associated Press arbeitet. „Ich bitte mir für meine Aufträge Zeit aus, mein Arbeitgeber respektiert das auch.“ Der Verzicht auf Sensations-Fotos, das genaue Hinsehen, das Beobachten zahlt sich aus.

„Eine mitfühlende Menschlichkeit, Verständnis, manchmal auch Humor in allem Grauen, den Mut Schreckliches auszuhalten, Respekt vor der Menschenwürde zeichnet ihre Bilder ebenso aus wie künstlerisches und kompositorisches Können“, sagte Anne-Marie Beckmann, Kuratorin der Ausstellung. Sie hatte diese auch für die Deutsche Börse in Frankfurt eingerichtet.

Mit einem Bild in der Ausstellung fühlte sich Anja Niedringhaus auf ganz besondere Weise verbunden. Es zeigt einen schwerst verwundeten GI, der von einem medizinischen Rettungskommando per Hubschrauber aus einem Kampfgebiet geborgen worden war. Sie war mitgeflogen und hatte auch bei der Rettungsaktion mitgeholfen. „Ein Metallsplitter steckte im Hals des Soldaten und bewahrte ihn vor dem Verbluten. Seine Augen sagten mir damals, er kommt trotz seiner schweren Verletzungen durch. Auf dem Bild, was ich von ihm machte, liegt neben ihm eine Ähre, ein Zeichen der Hoffnung“, erzählt sie bei der Vernissage. Später habe sie den Namen des Marines ausfindig gemacht und über Facebook zu ihm Kontakt aufgenommen.

Er habe mittlerweile nach Koma und Schlaganfall mit Lähmung einer Hand und eines Beins lange in einer Klinik in Richmond gelegen und habe sie eingeladen, ihn zu besuchen. Am Krankenbett habe sie ihm die Ähre gegeben und alle Fotos von der Bergung gezeigt. „Er war mir sehr dankbar, weil er endlich Aufklärung über die Umstände seiner Rettung erhalten hatte“, berichtete sie weiter.

Nach einem Artikel, den sie über den GI schrieb, wurde er eine bekannte Persönlichkeit in den USA. Sogar die Präsidentengattin Michelle Obama habe den Soldaten besucht. Die Army habe ihn mit 30 000 Dollar abspeisen wollen. „Auch dieser Entschädigungsbetrag wurde deutlich aufgestockt“, freute sich Anja Niedringhaus. „Wir, die immer nur nehmen, konnten damit endlich auch mal etwas geben“, schloss sie ihre Geschichte.

Am Sonntag, 14. Juli, um 11.30 Uhr findet im Forum Jacob Pins eine Matinee mit Anja Niedringhaus und dem Schweizer Kunsthistoriker Jean-Christophe Ammann statt.

Und: Vom 16. Juni bis 25. August ist im Museum der Burg Dringenberg die Ausstellung „Anja Niedringhaus.at sports“ mit Bildern von Anja Niedringhaus als Sportfotografin zu sehen.

 

Ausstellungseröffnung im Forum Pins in Höxter: Anja Niedringhaus (links) und die Kuratorin Anne-Marie Beckmann sprechen vor vielen Zuhörern über die ausgestellten Fotografien.

 

Wolfgang Braun, Westfalen-Blatt vom 19.06.2013