Start Lebenswege Anja Niedringhaus, Abitur 1986 (Juli 2013)
Anja Niedringhaus, Abitur 1986 (Juli 2013)
Mittwoch, 17. Juli 2013 um 13:23 Uhr

Bilder vom Krieg machen fassungslos
Matinée im Pins-Forum mit der Höxteraner Fotografin Anja Niedringhaus und Prof. Jean-Christophe Ammann

 

Matinée? Klassen- und Freundeskreistreffen? Professoren-Vorlesung? Künstler- und Arbeitsgespräch? Die Veranstaltung mit der preisgekrönten Fotografin Anja Niedringhaus (47) im Pins-Forum in Höxter wirkt irgendwie wie alles zusammen an einem Termin. Überfüllt ist der Saal bei einem der seltenen Niedringhaus-Auftritte.

Noch bis zum 28. Juli sind die Fotografien der weltweit bekannten Höxteranerin Anja Niedringhaus im Forum Jacob Pins ausgestellt. Die Resonanz auf die Schau ist grandios. Man merkt ihren Bildern an: Krieg ist nicht normal. Er macht fassungslos. Und er hat Anja Niedringhaus schon mehrmals fast das Leben gekostet. Die Fotos vom Krieg sind binnen 20 Jahren entstanden und dokumentieren Schauplätze und Ereignisse militärischer Konflikte, angefangen mit dem Bürgerkrieg in Bosnien 1992 bis zum Umsturz in Libyen. Anja Niedringhaus' Reisepässe lesen sich wie eine Chronik moderner Kriege.
"Ich bin in erster Linie ein Zeitzeuge", erklärt die mutige Höxteranerin (Abitur 1986 am König-Wilhelm-Gymnasium Höxter) ihr berufliches Selbstverständnis. Ihre Aufnahmen seien von tagesaktueller Relevanz, oft unter lebensgefährlichen Bedingungen in Sekundenschnelle geschossen worden. Ein Großteil der Fotografien sind in Kriegsgebieten im Irak, in Afghanistan, Libyen und Syrien aufgenommen worden. Oft ist sie für die Menschen die letzte Hoffnung, nicht von der Weltöffentlichkeit vergessen zu werden. Niedringhaus zeigt den Krieg nicht abstrakt, ihre Bilder berühren.
Das Besondere der Matinée, quasi zum "Bergfest" der Ausstellung, sind die fachlichen Erläuterungen von Jean-Christophe Ammann. Der Schweizer Kunsthistoriker ist Professor an der Uni Frankfurt und ein alter Freund von Anja Niedringhaus, die er respektlos-liebevoll mit Blick auf ihre Kriegseinsätze und die fulminanten Fotos als "eine Kampfbiene ersten Ranges" adelt.
Niedringhaus und Ammann (Jahrgang 1939 und seit 1999 von der Deutschen Börse mit dem Aufbau einer Sammlung von künstlerischen Fotografien beauftragt) lassen die Fotos vom Krieg für sich sprechen. Zeitweise kann man die berühmte Stecknadel im Saal fallen hören, so tief tauchen Fotofachleute und Publikum in die jeweilige, zum Teil brutale Szenerie auf dem Bild ein.
Anja Niedringhaus erzählt – und das ist bewusst als Ergänzung zur schon sehr gut besuchten Vernissage zu "At War – Im Krieg" gewählt – Geschichten, wie die Fotos auf oft ungewöhnliche Weise entstanden sind. Da gibt es die Story vom Kanister Benzin, den die in Höxter aufgewachsene Pulitzer-Preisträgerin und AP-Cheffotografin in Bosnien Soldaten abkaufen will. Die verlangen den damaligen Wucherpreis von 100 D-Mark, den Niedringhaus nicht zahlen möchte. "Dann musste ich mit den Jungs trinken. Am Ende stand ich noch gerade da, während die Truppe ins Koma fiel. Die haben mir dann aus Respekt das Benzin geschenkt."
Beeindruckend auch die Geschichte vom Umsturz in Libyen. Anja Niedringhaus kommt mit den Rebellen in ein Gebäude, in dem ein verletzter Gaddafi-Soldat liegt, der gefoltert werden soll. Sie will so etwas nicht fotografieren. Die Rebellen lenken ein und lassen den Mann leben.
Ärger hat Anja Niedringhaus mit dem US-Pentagon bekommen. Im Irak-Krieg begleitet sie als zivile Kriegsreporterin (so genannte Embedded Journalists, die direkt im Einsatz dabei sind) US-Truppen. Dabei wird das berühmte Foto mit gefangenen Irakern, die von GIs einen Sandsack über den Kopf gestülpt bekommen, gemacht. Die Aufnahme, über ihre Agentur weltweit blitzschnell verbreitet, bringt die Amerikaner ins Zwielicht. Die Folge: Niedringhaus muss die Einheit verlassen, obwohl die die Fotos zugelassen hat. Erst nach tagelangen Verhandlungen gelingt ihr die Rückkehr zur Truppe.
Jean-Christophe Ammann versucht eine künstlerische Einordnung der Niedringhaus-Fotos, was bei manchen Beispielen zielgenau passt, bei anderen aber nur schwer möglich ist, weil sie laut der Fotografin "nur" fotografiert, aber nicht komponiert worden sind. Ammann beschreibt treffend Anja Niedringhaus' Qualität: "Wenn ich, Jean-Christophe Ammann, ein Foto von Anja mache, sagen die Leute hinterher ›Du hast aber eine reizende Putzfrau‹. Wenn Fotografen vom Schlage Anja Niedringhaus oder Barbara Klemm fotografieren, dann fragen sie: ›Wer ist die beeindruckende Schönheit auf dem Foto?‹"
Viele Besucher der Matinée wünschen Anja Niedringhaus (sie hat Wohnungen in Genf und auf einem eigenen alten Forsthof mit der Familie ihrer Schwester in Kaufungen bei Kassel) weiteres Fotografenglück und Unversehrtheit, denn Kugeln in ihrer schusssicheren Weste und Granatsplitter von 2010 im Rücken bezeugen die große Gefährlichkeit ihrer Arbeit.

 

Begrüßen im Forum Jacob Pins zur Matinée die AP-Cheffotografin Anja Niedringhaus und Prof. Jean-Christophe Ammann (rechts), hier mit Dr. Dieter Schuler (links) und Fritz Ostkämper (Pins Forum) vor einem Foto mit US-Truppen und Weihnachtsmann.      Foto: Michael Robrecht

 

Michael Robrecht, Westfalen-Blatt vom 17.07.2013