Start Lebenswege Klaus Töpfer, Abitur 1959 (Oktober 2013)
Klaus Töpfer, Abitur 1959 (Oktober 2013)
Donnerstag, 10. Oktober 2013 um 07:50 Uhr

"Engagieren Sie sich"
Prof. Töpfer spricht klare Worte bei Corveyer Dynamikern – "Lampedusa ist bedrückend"

 

Dienstagabend, Schloss Corvey, barocker Kaisersaal: 300 Gäste warten gespannt darauf, dass Prof. Dr. Klaus Töpfer als Gastredner der "Corveyer Gespräche" zum Thema "Stadt, Land, Flucht" referiert. Er enttäuscht nicht.

Die Erwartungen sind hoch, schließlich ist der Ehrenbürger Höxters, der ehemalige Landes-, Bundes- und UN-Politiker, als innovativer Redner in seiner Heimatstadt bekannt und geschätzt. Die Dynamiker veranstalteten die Gespräche in diesem Jahr zum 22. Mal. Mit der Wahl des Themas bewiesen die 14 Unternehmer und Selbstständigen einmal mehr, dass ihnen die Entwicklung der Region am Herzen liegt.
"Wir leben in einer Welt der Gegensätze, in einer zweigeteilten Welt. Wir führen die Diskussionen in unserem Land um Demografie, Geburtenrückgänge oder die Gefahren durch falsche Ernährung vor dem Hintergrund einer Weltgeschichte, in der Menschen hungern und Kinder oft die einzige Alterssicherungsmöglichkeit der Menschen darstellen. 40 Prozent der Weltbevölkerung beanspruchen 94 Prozent des Bruttosozialproduktes. Das ist keine Voraussetzung für Frieden", schlug Töpfer zu Beginn seiner Rede einen Bogen zum globalen Hintergrund des Themas.
Die Lösung der Ernährungsfrage von bis zu 9,2 Milliarden Erdbewohnern im Jahr 2050 sei von existentieller Bedeutung für Frieden in der Zukunft. Die Länder Afrikas, in denen politische Unruhen, Hunger und Krankheit Millionen Menschen in ihrer Existenz bedrohen, seien nicht weit, wie die "bedrückende Schande von Lampedusa" zeige. "Entwicklung ist der neue Begriff von Frieden", zitierte der Redner Papst Paul VI.
Als Motor der Entwicklung habe Corvey in den langen Jahrhunderten seit seiner Gründung immer wieder eine wichtige Rolle, weit über die Grenzen Westfalens hinaus, gespielt, so der langjährige Bundesminister. Die angestrebte Anerkennung als Weltkulturerbe könne nun für die Region wiederum ein Anstoß sein. Gerade der Kreis Höxter habe unter sinkenden Geburtenraten und Abwanderung in andere Städte zu leiden, sagte Klaus Töpfer.
Daraus resultieren die bekannten Folgen der Versorgungsengpässe im medizinischen, wirtschaftlichen und sozialen Sektor, der steigenden Kosten für Wasser, Energie und kommunale Dienste, der Leerstände und der Verwahrlosung. Dies wiederum machte das Land, in diesem Moment den Kreis Höxter, auch für kommende Generationen unattraktiv. Doch es sei müßig, Vergangenes zu beklagen, meint Töpfer.
Fehler könnten oftmals nicht rückgängig gemacht werden, aber weitreichende Entscheidungen und Projekte müssten immer wieder hinterfragt und gegebenenfalls bei veränderten Konditionen angepasst werden. "Ich wage zu sagen, dass die Ansicht, eine Autobahn brächte Entwicklungsimpulse nach Höxter, überholt ist", provoziert er zum Umdenken. Er empfiehlt, alte Mechanismen aufzubrechen, neue Denkmuster und Eigenverantwortlichkeit zu fördern. "Wir müssen Kreativität einfordern und Wettbewerbe öffnen."
Er sieht die Zukunft auf dem Land dezentral, die Entwicklung in der Vergangenheit zu immer größeren, vergleichbaren Einheiten müsse rückgeführt werden. Das Potsdamer Institut IASS, dessen Gründungsdirektor er ist, habe eine Studie zu dem Thema mit dem Titel "Vielfalt statt Gleichwertigkeit" veröffentlicht. "Vielfalt ist der Schlüssel. Individualität macht interessant." Wenn sich auch an Geburtenraten mittelfristig nichts ändern werde, könne eine Identifikation mit einer Stadt als Heimat die Lebensentscheidungen von jungen Menschen beeinflussen. Töpfer rief dazu auf, sich vor allem in der Kommunalpolitik zu engagieren, auch jetzt bei den Kommunalwahlen.
Als positive Beispiele bürgerlichen Einsatzes nannte er den Familientag oder den Oma-Opa-Dienst in Höxter. "Die Vördener Apfeltage, die ich Sonntag besuchen werde, sind klasse. Nicht fragen: Was bringt das? Nicht abwarten, sondern etwas machen", sagte der frühere Vize-UNO-Chef Töpfer sehr zur Freude von Ulrich Jung, dem Vorsitzenden des Heimat- und Kulturvereins Marienmünster.
Zu den jüngeren Gästen des Abends gehörten Katja Chytrek und Niklas Püttcher, die die Jahrgangsstufe 12 des KWG besuchen. Ihnen haben die Ausführungen des prominenten Redners sehr gut gefallen, und besonders dem Aufruf, sich zu engagieren, pflichten sie bei. Katja Chytrek macht beim Jugendausschuss der Stadt mit. "Ein Schwimmbad und/oder ein Kino, Kultur für junge Leute – das fehlt in Höxter", meinen die zwei. Wie so viele planen sie ihre mittelbare Zukunft erst einmal fernab der Heimatstadt: Studium, Auslandsaufenthalt, und dann – mal sehen. Vielleicht kommt der eine oder die andere ja zurück...

 

Die Corveyer Dynamiker aus Höxter mit dem Ex-Bundesumweltminister während des Gesprächsabends in Schloss Corvey: (hinten, jeweils von links) Peter Gronemeyer, Thorsten Schmidt, Arnulf Klocke, Uwe Fliegel, Günter Potthast, (Mitte) Bernd Engel, Redner Prof. Dr. Klaus Töpfer, Thomas Müller, (vorne) Josef Ahrens, Michael Schuster, Ulrich Menne und Hermann Manegold.


Iris Spieker-Siebrecht, Westfalen-Blatt vom 10.10.2013