Start Lebenswege Anja Niedringhaus, Abitur 1986 (April 2014)
Anja Niedringhaus, Abitur 1986 (April 2014)
Montag, 14. April 2014 um 18:00 Uhr

Abschied  von  einer starken Frau

Familie, Freunde und frühere Mitschüler fassungslos über Tod der Fotografin Anja Niedringhaus


Höxter (WB). Die Höxteraner trauern um eine bemerkenswerte Persönlichkeit und die wohl weltweit bekannteste "Tochter der Stadt": Die Fotografin und Pulitzer-Preisträgerin Anja Niedringhaus ist in Afghanistan im Auto hinterhältig erschossen worden.

Die Eilmeldung hatte sich am Freitagmorgen in der Stadt schnell herumgesprochen: Viele kannten Anja Niedringhaus persönlich, die nicht nur durch ihre Fotos in Zeitungen, sondern auch durch Ausstellungen und TV-Auftritte bundesweit bekannt war. Eine große Zeitung titelte: "Deutschland bekannteste Kriegsfotografin erschossen". Erst im vergangenen Sommer hatte die 48-Jährige im Forum Jacob Pins ihre preisgekrönten Fotos ausgestellt und vor vollem Haus vor Freunden, Bekannten, ehemaligen Mitschülern und ihrer Familie von ihrer lebensgefährlichen Arbeit als AP-Cheffotografin packend berichtet.
Fritz Ostkämper, Vorsitzender der Jacob-Pins-Gesellschaft und ehemaliger KWG-Lehrer von Anja Niedringhaus, zeigte sich tief erschüttert vom Tod seiner früheren Schülerin. "Wir haben mit ihr im Pins-Forum ihre Ausstellung vorbereitet, später im 'Resi' zusammengesessen und ihren Schilderungen aus den Kriegsgebieten gelauscht", erinnert sich Ostkämper. Sie wollte wiederkommen und weiteres Material zeigen. "Ich habe ihre Abi-Arbeit korrigiert und früh bemerkt, dass sie zu den Mutigen gehört", so der Lehrer. Ihr Tod sei ein großer Verlust.
Claudia Moshage, Mitabiturientin von Anja Niedringhaus, bringt auf den Punkt, wie viele Höxteraner die verstorbene einschätzten: "Sie war eine starke Frau!" Schon als sie als Oberstufenschülerin als freie Tageszeitungsmitarbeiterin jobbte, wollte sie der Welt die Wahrheit, die Realitäten, zeigen. "Sie hat immer gesagt, das muss man doch zeigen, es ist doch nicht alles gut in der Welt."
So sieht das auch Karin Wittrock, ebenfalls eine frühere Mitschülerin von Anja Niedringhaus. "Ich weiß noch genau, wie wir bei uns mit der alten Schreibmaschine meiner Großmutter die Texte für die Abizeitung 1986 verfasst haben – Anja mittendrin." Sie sei gerne nach Höxter gekommen, um Huxori zu feiern oder bei Jahrgangsstufentreffen dabei zu sein.
Anja Niedringhaus, die auf einem großen Hof bei Kassel mit ihrer Schwester und deren Familie wohnte, besuchte immer wieder ihre Mutter Heide-Ute Niedringhaus-Schulz in Höxter oder Freunde. Klaus D. Valentin berichtete, dass er mit ihr ab und zu Motorrad gefahren sei. Das Bike stehe bei ihrer Mutter im Haus im Rohrweg. Sie sei immer eine mutige und stets bodenständige Frau gewesen, die den Anschluss an Höxter sehr gerne gepflegt habe.
Georg Wieners, Direktor des KWG, zeigte sich erschüttert vom Tod der ehemaligen Schülerin. Die Lehrer, die sie einst unterrichtet hätten oder sie kannten, hätten stets sehr anerkennend über Anja Niedringhaus gesprochen. Man habe ihren Lebensweg verfolgt.
Auch Pfarrdechant Ludger Eilebrecht drückte sein Mitgefühl aus: "Der gewaltsame Tod der Journalistin in Afghanistan hat auch hier im Pfarrbüro große Bestürzung ausgelöst, und unsere Gedanken sind neben Ihrer Familie und den Freunden besonders bei all denen, die für Information und Aufklärung und im Namen der Freiheit von Menschen und Meinungen auch in gefährlichen Umständen für uns im Einsatz sind. Der absurde Irrsinn der Gewalt und die sehnsüchtige Hoffnung auf Zukunft wird in einem ihrer letzten Bilder sehr deutlich."
Christian Haase, MdB und CDU-Kreischef, schrieb: "Wir möchten der Familie unser tiefes Beileid ausdrücken. Als Pulitzer-Preisträgerin und weltberühmte Fotojournalistin war Anja Niedringhaus dort unterwegs, wo Krieg und Zerstörung herrschten. Sie wollte dieses Leid zeigen, um Menschen zum Handeln zu bewegen. Anja Niedringhaus hat Höxter über alle Grenzen hinaus bekannt gemacht, und wir sind stolz auf ihre großartige Arbeit."

 

Als wäre es gestern gewesen: Im Juli 2013 begrüßen im Forum Jacob Pins in Höxter Dr. Dieter Schuler (links) und der frühere KWG-Lehrer Fritz Ostkämper (Vorsitzender Pins Forum) die AP-Cheffotografin Anja Niedringhaus und ihren Mentor Prof. Jean-Christophe Ammann (rechts) vor dem weltberühmt gewordenen Niedringhaus-Foto mit den US-Truppen und dem roten Weihnachtsmann. Foto: Michael Robrecht
 
Anja Niedringhaus (vorn Mitte, 5. von links) mit dem KWG-Abitur-Jahrgang 1986 beim Jahrgangsstufen-treffen aus Anlass des 25-jährigen Abiturs auf der "Fototreppe" am Höxteraner Gymnasium.


Michael Robrecht, Westfalen-Blatt vom 05.04.2014

 

Preisgekrönt und weltweit im Einsatz


Anja Niedringhaus (Jahrgang 1965) ist in Höxter im Haus der Familie in der Lönsstraße aufgewachsen. Sie legte 1986 am König-Wilhelm-Gymnasium das Abitur ab und studierte für das Lehramt im niedersächsischen Göttingen.
Die 48-Jährige hat mit 17 Jahren erste journalistische Gehversuche unternommen. Als Cheffotografin bei den Agenturen EPA (ab 1990) und seit 2002 bei AP war sie pausenlos in der Welt im Einsatz. 2005 wurde die Höxteranerin für ihre Irak-Fotos, die weltweit in den Medien gedruckt werden, als erste deutsche Fotografin mit dem Pulitzer-Preis in den USA ausgezeichnet. Anja Niedringhaus gehörte seit Jahren zu den Top-10 der weltbesten Fotografen: 2006 hat sie sich ins Goldene Buch ihrer Heimatstadt Höxter eintragen.
2010 ist Niedringhaus im Afghanistan-Einsatz durch zwei Granatsplitter verletzt und im St.-Ansgar-Krankenhaus Höxter erfolgreich operiert worden. Schon in Sarajevo war sie zuvor von Scharfschützen getroffen worden. Damals hatte ihr eine kugelsichere Weste das Leben gerettet.
Niedringhaus wohnte privat mit einer ihrer beiden Schwestern und deren Familie auf einem Hof bei Kassel, sonst in Genf und Frankfurt. Ihre Mutter Heide-Ute Niedringhaus-Schulz lebt mit ihrem Mann Siegfried in Höxter.   rob


Vortrag als Vermächtnis


Man merkt den Fotos an: Krieg ist nicht normal! Er macht fassungslos. Die Bilder vom Krieg, die Anja Niedringhaus im Juli 2013 im Pins-Forum in Höxter zeigte, sind binnen 20 Jahren entstanden und dokumentieren Schauplätze militärischer Konflikte, angefangen mit dem Bürgerkrieg in Bosnien 1992 bis zum Umsturz in Libyen. Niedringhaus' Reisepässe lesen sich wie eine Chronik moderner Kriege. "Ich bin in erster Linie ein Zeitzeuge", erklärte sie ihr berufliches Selbstverständnis. Der Krieg war ihr Leben: Oft ist sie für die Menschen die letzte Hoffnung, nicht von der Weltöffentlichkeit vergessen zu werden. Niedringhaus zeigt Krieg nie abstrakt, ihre Bilder berühren.
Prof. Jean-Christophe Ammann, der Schweizer Kunsthistoriker, ist ein alter Freund von Anja Niedringhaus. Er adelt sie respektlos-liebevoll mit Blick auf ihre Kriegseinsätze und die Fotos als "eine Kampfbiene ersten Ranges". Anja Niedringhaus erzählte fesselnd: Da gibt es die Story vom Kanister Benzin, den sie in Bosnien Soldaten abkaufen will. Die verlangen den damaligen Wucherpreis von 100 D-Mark, den Niedringhaus nicht zahlen möchte. "Dann musste ich mit den Jungs trinken. Am Ende stand ich noch gerade da, während die Truppe ins Koma fiel. Die haben mir dann aus Respekt das Benzin geschenkt." So war sie, die mutige Anja Niedringhaus.   rob

 

Auch die Neue Westfälische berichtete am 05.04.2014 über Reaktionen Höxteraner Bürger auf den Tod von Anja Niedringhaus. Laden Sie hier den Bericht "Sie war einfach gut" herunter (pdf, ca. 245 KB).

 

Kerze für Anja im Pins-Forum
Bestürzung über Mord an Höxteranerin – Fotografin Niedringhaus bereits nach Deutschland überführt

 

Höxter (WB). Der Tod der aus Höxter stammenden Kriegsfotografin Anja Niedringhaus (48) hat auch am Wochenende die Menschen in Höxter tief bewegt.
Viele Besucher des Forum Jacob Pins in der Westerbachstraße, wo die Pulitzer-Preisträgerin noch 2013 ihre Fotos aus Kriegsgebieten ausgestellt und Vorträge gehalten hatte, hielten inne. Eine Kerze brannte dort neben einem Foto von Anja Niedringhaus: Museumsbesucher sprachen über den feigen Mord in Afghanistan (wir berichteten), drückten ihr Mitgefühl für die Hinterbliebenen aus. "Wir können es nicht fassen", so die Pins-Gesellschaft.
In Höxters Kirchen ist in Gottesdiensten am Wochenende das Thema angesprochen und auch für die Verstorbene gebetet worden. In Dringenberg bei der Sonntagsvernissage in der Burg wurde an Anja Niedringhaus erinnert. Bei der Familie Niedringhaus gingen in Höxter (bei Anjas Mutter) und auch auf dem Hof ihrer Schwester Gide in Oberkaufungen bei Kassel, wo sie zuletzt gemeldet war, viele Beileidsbekundungen ein.
Nachrichtenagenturen berichteten gestern, dass der Leichnam der verstorbenen Fotografin, die 1986 am König-Wilhelm-Gymnasium ihr Abitur abgelegt hatte, am Samstag aus Afghanistan nach Deutschland überführt worden sei. Wo und wann und ob in Höxter eine Trauerfeier oder Beerdigung stattfindet, ist noch nicht bekannt.
Weltweit haben die Print- und TV-Medien in großer Aufmachung über das Attentat auf "Deutschlands berühmteste Kriegsfotografin" berichtet. Washington Post, New York Time, Le Monde, die britische The Times oder die Presse in Asien, Australien und Afrika thematisierten den Mord an der Höxteranerin in Aufmachung auf ersten Seiten und mit Fotos von Anja Niedringhaus selbst oder mit Truppen im oft gefährlichen Einsatz an den Fronten.
Auch im Internet und auf Facebook kondolierten Menschen auf Anjas Seite und auf Medienpages.

 

Im Forum Jacob Pins brennt seit Samstag eine Kerze zum Gedenken an die ermordete Anja Niedringhaus. Ein Foto zeigt die Höxteranerin, wie sie die Menschen in ihrer Heimat in Erinnerung haben. Foto: M. Weiße


Michael Robrecht, Westfalen-Blatt vom 07.04.2014

 

Ein Interview, das die ehemalige KWG-Schülerin Hanna Gieffers im März 2014 mit Anja Niedringhaus geführt hat, ist in der "Süddeutschen Zeitung" erschienen und hier zu finden.

 

Trauerfeier in Corveyer Kirche
Anja Niedringhaus wird am Samstag in Höxter beerdigt – viele Kollegen kommen

 

Höxter (WB). Die in Afghanistan ermordete und aus Höxter stammende Fotografin Anja Niedringhaus wird am Samstag, 12. April, in Höxter zu Grabe getragen.
Die Trauerfeier für die 48-Jährige beginnt um 12 Uhr in der Abteikirche von Corvey. Dazu werden neben der Familie hunderte Freunde, Bekannte, Vertreter aus Medien und Politik erwartet. Ein Trauermarsch führt nach der Trauerfeier entlang der Weser zum Friedhof am Wall, wo die Kriegsfotografin dann beigesetzt werden soll. Ein protestantischer Pfarrer aus Oberkaufungen, wo Niedringhaus auf dem Hof ihrer Schwester Gide zuletzt gewohnt hatte, wird die Trauerfeier gestalten.
Der Leichnam von Anja Niedringhaus ist am Wochenende von der Bundesluftwaffe nach Hannover geflogen worden. Von dort aus wurde er nach Erledigung diverser Formalitäten nach Höxter überführt. Die Familie der Pulitzer-Preisträgerin und AP-Cheffotografin, ihre Mutter lebt in Höxter, hat auch gestern wieder viele Kondolenz- und Beileidswünsche erhalten. Die Corveyer Kirchengemeinde rechnet am Samstag mit einem sehr großen Medieninteresse und vielen Trauergästen. Auch aus dem Ausland haben sich Kollegen aus der Medienbranche angesagt. Ob seitens der Bundesregierung oder diplomatische Vertreter nach Corvey anreisen, ist im Gespräch, aber noch nicht entschieden.
In Lahore (Pakistan) demonstrierten Journalisten und verurteilten den feigen Mordanschlag auf Anja Niedringhaus. Hohe Politiker weltweit würdigten ihre Arbeit. Das BKA ermittelt wegen Mordes.

Michael Robrecht, Westfalen-Blatt vom 08.04.2014

 

Bewegende Trauerfeier
Niedringhaus beigesetzt


Höxter (WB). Unter Anteilnahme von 600 Trauernden aus dem In- und Ausland ist die in Afghanistan erschossene Fotografin Anja Niedringhaus (48) am Samstag in ihrer Heimatstadt Höxter beerdigt worden. Acht Tage nach dem tödlichen Anschlag nahmen Angehörige, Freunde und Kollegen in einer bewegenden Trauerfeier in der Abteikirche des Klosters Corvey Abschied von der preisgekrönten Reporterin der US-Nachrichtenagentur Associated Press (AP). Niedringhaus habe in ihren Bildern die "grauenvolle Fratze des Hasses und Krieges" gezeigt, aber auch Mitleid und Hoffnung, sagte der in Höxter lebende ehemalige Leiter des UN-Umweltprogramms Unep, Klaus Töpfer, in seiner Ansprache.

 

Der frühere Bundesminister Klaus Töpfer würdigte die Verdienste der getöteten Fotojournalistin Anja Niedringhaus. Foto: AP

 

Den ausführlichen Bericht über die Trauerfeier aus dem Westfalen-Blatt vom 14.04.2014 können Sie hier als pdf-Datei herunterladen (ca. 1,57 MB).

Auch die Neue Westfälische berichtete am 14.04.2014 über die Trauerfeier. Laden Sie hier den Bericht "Abschied von einer Botschafterin der Menschlichkeit" herunter (pdf, ca. 320 KB).